| Wie überlebt das Christentum, wenn die Moderne selbst brüchig wird? Der deutsche Soziologe Franz-Xaver Kaufmann skizziert das Werden des säkularen Menschen. Mit ihm hängt die Krise der grossen Kirchen zusammen. Zunehmend verliert die katholische Kirche im deutschen Sprachraum „Glaubwürdigkeit und Gläubige“. Die Strategie zentralistischer Vereinheitlichung und Kontrolle führe nicht zum Ziel, konstatiert Kaufmann, der an der Uni Bielefeld Bevölkerungsforschung betrieben und Sozialpolitik doziert hat. Das Büchlein „Kirchenkrise: Wie überlebt das Christentum“ erschien im Jahr 2000 in zwei Auflagen; zehn Jahre später hat es der Autor aktualisiert und ein Schlusskapitel über die katholische Kirche angefügt. Konfessionslose Eltern Zuvor hat er nicht nur die Katholiken im Blick. Kaufmann, als Sohn eines Sprechers der Zürcher Katholiken in der Zwinglistadt aufgewachsen, konstatiert in Deutschland als Ergebnis der Säkularisierung einen „eklatanten Abbruch religiöser Traditionen in beiden Konfessionen“; dieser bedrohe die Existenz der Kirchen in ihrer bisherigen Verfassung (13). In den neuen deutschen Bundesländern stellen die Konfessionslosen 70% der Bevölkerung; die Hälfte hat diese Haltung von den Eltern übernommen. Was das Christentum Europa ermöglichte Der Autor schlägt den Bogen von den Bedingungen in der Antike, unter denen die Kirche entstand und zur kulturprägenden Kraft wurde, zur sensationellen Freiheitsgeschichte Westeuropas, der das Christentum den Grund legte, und zur aufklärerischen Dynamik. Er zitiert Hegel: „In der christlichen Religion kam die Lehre auf, dass vor Gott alle Menschen frei, dass Christus die Menschen befreit hat, sie vor Gott gleich, zur christlichen Freiheit befreit sind.“ Facetten der Säkularisierung Die im 17. Jahrhundert einsetzenden Prozesse der vernünftigen Weltdeutung, Modernisierung und Säkularisierung beschreibt Kaufmann knapp und einleuchtend: Die allgemeine Verbindlichkeit des christlichen Glaubens geht verloren; Religion wird einer von vielen Bereichen des Lebens; das Religiöse verkirchlicht sich (nicht dauerhaft); grössere Teile der Bevölkerung geben Kirche und Glauben den Abschied; Religiosität und Kirchenzugehörigkeit treten weiter auseinander. Insgesamt bestimmt die Kirche heute die Lebensführung des Einzelnen viel weniger; diese wird „zu einem Problem fortgesetzter persönlicher Entscheidungen“. Daher die Fragen: „Überlebt das Christentum die Moderne? Sind Renaissancen des Christlichen möglich?“ Renaissance des Christentums? Für die Zukunft will der Soziologe „religiöse Renaissancen in der Form christlich inspirierter religiös-sozialer Bewegungen“ nicht ausschliessen. Der christliche Glaube in Europa stehe heute „nicht so sehr in Konkurrenz zu anderen religiösen Formen des Kults und der Daseinsdeutung… Die nachhaltigste Herausforderung stammt von den säkularen Deutungsmustern, insbesondere der Wissenschaften“ (118). Allerdings sei durch die jüngsten Krisen auch das säkulare Denken selbstkritischer und skeptischer geworden. „Die Zukunft der Moderne erscheint zwar aus anderen, aber nicht weniger plausiblen Gründen gefährdet als diejenige des Christentums.“ |
| Franz-Xaver Kaufmann: Kirchenkrise – Wie überlebt das Christentum? Herder Verlag, Freiburg, 2. Auflage, 2011, 200 Seiten, Flexcover ISBN 978-3-451-32384-3 Das Buch bestellen Leseprobe Zurück zur Übersicht |