Kirche als Hörgemeinschaft mit Zukunft

Für ihr Überleben in der Zukunft bedarf die reformierte Kirche geistlicher Erneuerung und eines evangelischen Profils, aber auch einer zielgerichteten Unternehmens- und Leitungskultur und klarer Kriterien für Mitglieder. Der oft begangene Weg des geringsten Widerstands führt für Konrad Müller nicht weiter.

Müller, seit 1986 Pfarrer in der Zürcher Landeskirche, hat nach einem Studienurlaub 2010 Vorschläge für eine Stärkung der Volkskirche in einem Band zusammengestellt. Er hat Diaspora-Gemeinden in Taiwan besucht und hält fest, dass „eine gute Organisation allein die Kirche nicht rettet. Die Beziehung zu Gott, die daraus fliessende Liebe und die Vision vom Reich Gottes sind durch nichts zu ersetzen“ (65). „Fast alle wachsenden Gemeinden versuchen intensiv, Menschen, die zu ihnen kommen, in eine Beschäftigung mit dem Glauben zu bringen“ (61). Was muss in der Kirche geändert werden, damit dies geschieht?

Das Hören durchgängig üben
Aus dem reformatorischen Grundsatz, dass dort Kirche ist, wo auf Gott gehört wird, folgert Müller, dass solches Hören durchgehend geübt werden soll, auch in der Leitung und im kirchlichen Alltag. Mitarbeitenden sei Zeit für Gebet einzuräumen. Kirche ist „Hör-, Segens- und Dienstgemeinschaft“. Für Notleidende habe sie nicht nur menschliche Hilfe, sondern könne ihnen mit Gottes Segenskräften begegnen, schreibt der Autor. Um die eklatanten Unterschiede zwischen Mitgliedern zu verringern, sollen diese „angehalten werden, sich in der einen oder anderen Form für die Gemeinschaft zu engagieren“.

Der Himmel und die Milieus
Darf in der Kirche, die ihrem Auftrag verpflichtet ist, von Kunden- und Nachfrage-Orientierung gesprochen werden – und wenn ja, wie weit darf diese gehen? Im Blick auf die Sinus-Milieus formuliert der erfahrene Pfarrer als Ziel der kirchlichen Arbeit, „dass Menschen vom Glauben ergriffen werden und dadurch ein Veränderungsprozess initiiert wird, der alle sozialen und Milieu-Schranken überwindet“. Dafür müssten aber die Menschen dort abgeholt werden, wo sie sind (Arbeit mit Zielgruppen). Die Erfahrungen der von Wilfried Härle analysierten wachsenden Gemeinden deutet er dahingehend, dass eine zeitweilige Spezialisierung die spätere Ausweitung auf weitere soziale Gruppen ermöglichen kann.

Erfolg setzt Ziele voraus
Müller, der neben der Pfarrtätigkeit an der Hochschule St. Gallen studierte und 2003 einen Executive MBA erlangte, stellt bei Kirchen- und Gemeindeleitungen in Entscheiden Konfliktscheu fest. Zudem mangle bei der Umsetzung die Verbindlichkeit (117). Erfolg dürfe nicht tabu sein: „Es braucht einen Willen, dass das eigene Tun positive Wirkungen entfaltet und das Evangelium in der Welt Raum gewinnt“ (143). Ziele sollten im „Hören auf die Stimme Gottes“ gewählt werden; leitende Instanzen müssten sie auch durchsetzen können. Dies sei einfacher, solange die Kirche nicht unter hartem Spardruck stehe.

Profil am Ort, Vielfalt im Kanton
Müller wünscht, dass die Schweizer Reformierten in den nächsten Jahren eine Gesamtschau entwickeln und wohlerwogene Umstellungen bald vornehmen. „Die Uhr tickt unaufhörlich und die Zeit des gegenwärtigen Kirchenmodells läuft aus“ (145). Wesentlich scheint ihm, dass Christen die lokale Gemeinde, die ihnen zusagt, wählen können. Werde das Parochialprinzip aufgehoben, könnten Gemeinden eher Zielvorstellungen entwickeln und sich attraktiv profilieren. Zu diesem Zweck sollten Pfarrpersonen von der örtlichen Gemeindeleitung gesucht und angestellt werden, meint Müller (gegen Volkswahl und Zuordnungsmodell). Der Pfarrer rät zu Umstrukturierungen in der Weise, dass in der Kirchgemeinde „eine möglichst grosse Einheit herrschen soll und die Vielfalt innerhalb der Kantonalkirche gewährleistet wird“ (144).

Im Bekennen zusammenwachsen
Weiter schlägt Müller vor, dass die Kirche Lernziele für den Unterricht definiert und das Wissen über den Glauben prüft (97). Andere Freiwilligenorganisationen operierten klarer: „Es wäre undenkbar, dass in einem Fussballclub jemand beim Training dabei ist, der keinen Fussball spielen will“ (148). Der Theologe hofft, dass die Kirche ein altes Bekenntnis für verbindlich erklärt und im Gottesdienst sprechen lässt. Die Mitgliedschaft mit Stimmrecht solle an das individuelle Bekennen des Glaubens geknüpft werden. Im Blick auf die Einheit der Kirche geht es darum, die grossen Unterschiede zwischen Mitgliedern in Kenntnissen, Überzeugungen und Teilnahmeverhalten zu verringern. „Die Mitglieder sollen angehalten werden, sich in der einen oder anderen Form für die Gemeinschaft zu engagieren“ (97).

Schliesslich bringen, so Müller, alle Massnahmen nichts, wenn nicht „die reformierte Kirche einen geistlichen Aufbruch wagt“ und dem „Sehnen nach der Nähe Gottes“ Raum gibt. Sie sei aus einem grossen geistlichen Aufbruch entstanden. Gott wolle sie weiter bewahren. Auch im 21. Jahrhundert gelte die Zusage von Matthäus 7,7, dass er dem gibt, der bittet, dem auftut, der anklopft.

Konrad Müller:
…als nur in Gottes Hand. Wie die Kirche die Herausforderung Zukunft bestehen kann
Selbstverlag des Autors, Illnau-Effretikon, 2011, 152 Seiten, Paperback
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Autor: Peter Schmid     bereitgestellt: 21.12.2011