| Was war Kirche in den Anfängen? Frank Viola konfrontiert die gewachsenen Strukturen mit dem Ursprung im 1. Jahrhundert. Aus ihm leitet er Leitlinien für authentische Gemeinschaft fürs 21. Jahrhundert ab. Der Autor bewegt sich seit 1998 in „organischen Gemeinden“. Die Gottesdienste der „institutional church“ hatten ihn gelangweilt und er hatte geistliche Transformation der Besucher vermisst. Viola sehnte sich nach einem Erleben von Gemeinde, wie es das Neue Testament spiegelt. Aus einem „lebenden, atmenden, vibrierenden, organischen Ausdruck von Jesus Christus“, der Urgemeinde, sei eine „kopflastige, hierarchische Organisation“ geworden. Der Zweck seines Buchs „Reimagining Church“ (deutsche Übersetzung: sei nicht, die Kirche neu zu denken und vorzustellen, sondern ihre Praktiken, schreibt Viola im Vorwort. „Denn die Struktur ist das Grundproblem.“ Organisch solle Gemeinde werden, nachdem die Griechen aus dem Evangelium eine Philosophie gemacht hätten, die Römer einen Staat, die Europäer eine Kultur und die Amerikaner ein Business (Richard Halverson). Weder elitär noch rechthaberisch Die von Viola vorgestellte Gemeinde wird durch das Wirken und Leiten des Heiligen Geistes erhalten; sie definiert sich über Beziehungen, nicht Programme und Rituale; sie gleicht einer Gruppe von Spaziergängern, nicht einem Zug. Die Gemeinde, die der Autor träumt, ist „organisch im Aufbau, funktioniert durch Beziehungen, hat eine schriftgemässe Form, ist in ihrem Handeln auf Christus zentriert, entspricht in ihrer Gestalt der Dreieinigkeit Gottes, pflegt einen gemeinschaftlichen Lebensstil und eine nicht-elitäre Haltung und grenzt sich in ihren Aktivitäten nicht rechthaberisch ab“ (26). Intimität – aber nicht formlos Frank Viola, mit dem provokanten Buch „Pagan Christianity“ bekannt geworden, wehrt Missverständnisse ab: Es geht um erkennbare Gemeinschaft, die zwar auf die Kultur bezogen ist, aber den biblischen Mustern verpflichtet bleibt, die Intimität nicht formlos, auf Kosten der Verbindlichkeit lebt. Den Neutestamentler F.F. Bruce zitierend, unterscheidet er Entfaltung biblischer Prinzipien von ihrer Aufgabe. Mit Verweis auf Epheser 1,22.23 spricht Viola die Gemeinde an als „versammelte Gemeinschaft, die Gottes Leben teilt und es auf der Erde zum Ausdruck bringt,“ als „irdisches Abbild des dreieinigen Gottes“ (35). Jesus ist Herr des einzelnen Christen und Haupt der Gemeinde (headship vs. lordship, 67): Christen könnten nicht ernsthaft Jesus als ihren Herrn bezeichnen, ohne ihn auch Haupt der Gemeinde sein zu lassen. „Teilnahme statt Zuschauen“ In den folgenden Kapiteln erläutert Viola seine Vision eines dem Neuen Testament entsprechenden Abendmahls, von Hausgemeinde und von Familie Gottes. Diese lebt „gegenseitige Abhängigkeit statt Unabhängigkeit, Ganzheit statt Zersplitterung, Teilnahme statt Zuschauen, Verbundenheit statt Isolation, Solidarität statt Vereinzelung, Spontaneität statt Institutionalisierung, … Dienen statt Herrschen, Bereicherung statt Unsicherheit, … Bindung statt Ablösung“ (111). Christliche Einheit kann laut Viola eher erreicht und gelebt werden, wenn es keine Priester und beamteten Theologen gibt, welche aufgrund ihrer Position eine Doktrin durchsetzen (Diotrephes, 3. Johannes 9). So könne die Vielfalt von Geistesgaben zum Aufbau der Gemeinde zum Zuge kommen. Es versteht sich von selbst, dass er der „Wachstumsindustrie“-Mentalität von Megachurches (257) nichts abzugewinnen vermag. Nicht solche Kirchen, sondern die einfachen im 1. Jahrhundert entstandenen Gemeinschaften hätten die Welt auf den Kopf gestellt. Einklang mit der apostolischen Tradition? Im zweiten Teil des Buchs behandelt der Autor Fragen verantwortlicher Leiterschaft und plädiert für kollegiale Leitung. Mit Jaroslav Pelican („Tradition ist der lebende Glaube der Toten, Traditionalismus der tote Glaube der Lebenden“) formuliert er schliesslich Massstäbe für Kirche im Einklang mit der apostolischen Tradition. Nicht bloss die normativen Weisungen der Apostel, sondern auch ihre normativen Praktiken seien weiterhin bindend (247, mit Verweis auf 1. Korinther 4,17). Institution nein – Geist-geleitete Gemeinschaft ja: So radikal das Buch etablierte Kirche in Frage stellt, so erfrischend ist ein Spaziergang mit Viola, der Gefahren organischer Gemeinschaften mitbedenkt. Ihr Fett bekommen auch die Charismatiker ab, deren Hunger nach geistlichen Erfahrungen sie zu Erweckungsorten strömen lässt, ebenso die pyramidal durchstrukturierten Zellen-Gemeinden und emerging groups, in denen der Leiter den Sonntagsgottesdienst hält. |
| Frank Viola: Ur-Gemeinde. Wie Jesus sich seine Gemeinde eigentlich gedacht hatte (Englisch: Reimagining Church: Pursuing the Dream of Organic Christianity) Glory World Medien, Bruchsal, 300 Seiten, Paperback ISBN 978-3-936322-47-7 Das Buch bestellen Leseprobe Zurück zur Übersicht |