Versöhnung als Chance

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Die Gemeinschaft wiederherstellen: Prof. Eva-Maria Faber.

Vergebung ermöglicht Versöhnung und so werden Beziehungen wiederhergestellt. Was kann die Beichte dazu beitragen? Dazu führten die Fokolar-Bewegung und das Landeskirchen-Forum am 15. März in Frauenfeld gemeinsam eine Tagung durch.
Angesichts der Rekorddichte von Psychiatern im Schweizer Mittelland stellt sich neu die Frage nach dem Beichten von Verfehlungen, nach Versöhnung und dem Zusprechen von Vergebung. Mit 180 Personen war die Tagung in Frauenfeld, die sich diesem Thema widmete, ausgebucht. Im Spiegel der Bibel und von Kirchenlehrern dachten die Teilnehmenden darüber nach, wie Konflikte gelöst und wie Vergebung empfangen und gewährt werden kann, so dass Versöhnung, die Wiederherstellung von Gemeinschaft geschieht. Es wurde deutlich, dass die Kirchen eine Vielfalt von Formen im Umgang mit Konflikten und Schuld kennen.

Von der Busse in der Urkirche…
Ausgehend von den ersten Christen legte Eva-Maria Faber, Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie und Rektorin der Theologischen Hochschule Chur, das Werden des „Sakraments der Versöhnung“ dar. Es ist weder mit Busse noch mit Beichte angemessen bezeichnet. Petrus hatte Jesus gefragt, wie oft er seinem Nächsten vergeben müsse (Matthäus 18,21). In den ersten Jahrhunderten rang sich die Kirche gegen rigoristische Tendenzen dazu durch, Getaufte mit bekannten schweren Sünden (Abfall vom Glauben, Ehebruch, Mord) wieder in die Gemeinschaft aufzunehmen. Die Gemeinde begleitete sie im Gebet, forderte ihnen jedoch jahrelange Busszeiten (verschiedene Bussauflagen, Ausschluss von der Eucharistie) ab. Der Theologe Origenes (gest. 254) meinte, die Taufgnade zurückerstatten könne nur Gott, nicht die Kirche.

… zur vorgeschriebenen Beichte
Bekenner und später auch Mönche beanspruchten die Vollmacht zu vergeben und zurechtbringende Weisung zu geben. Vergebung wurde zunehmend nach dem nichtöffentlichen Beichten von leichten Alltags-Sünden gewährt. Namentlich durch irische Mönche entstand aus dem, was ursprünglich als Ausweg aus einer höchst prekären Ausnahmesituation ermöglicht wurde, eine institutionalisierte, wiederholbare, empfohlene und dann vorgeschriebene Praxis. Amtsträger verwalteten das Sakrament.

Dem Gläubigen, der die Sünden bekannte, wurde eine Busse gemäss vorgegebenen „Tarifen“ auferlegt, die er abzuleisten hatte. Nach dem Ableisten (seit dem 11. Jahrhundert meist im Blick darauf) wurde die Versöhnung zugesprochen. Aus gewollter, aber hürdenreich gestalteter Re-Integration in die Gemeinschaft durch anhaltendes Büssen wurde, wie Eva Maria Faber darlegte, im Hochmittelalter ein abgeschlossener Ritus der Priesterkirche mit der Lossprechungsformel „ego te absolvo“ im Zentrum (IV. Laterankonzil 1215: Jeder Christ soll jährlich beichten).

Dem Kern auf der Spur
Luther ging zeitlebens zur Beichte. Die Reformatoren lehnten nicht die Beichte selbst, aber bestimmte Aspekte ihrer Praxis und ihr Verständnis als Sakrament ab. Sie hielten fest, dass Gott allein Sünden nachlässt, stellten den Glauben in die Mitte und betonten das befreiende Zusprechen des Evangeliums. Für Zwingli kann der Geistliche nicht von Sünden freisprechen; er soll seelsorglich raten. Dagegen machte die katholische Kirche die Einzelbeichte beim Priester vor Ort zur Pflicht.

Dies führte zu unguter Routine; Eva-Maria Faber zitierte Silja Walters Wort vom „Teufelskreis der Beichte“ und meinte, sie könne dem krankhaften Kreisen um sich selbst Vorschub leisten. In den letzten Jahrzehnten wurden, um dem Verfall der Einzelbeichte zu wehren, neue Formen wie gemeinschaftliche Bussfeiern entwickelt. Faber unterstrich abschliessend, dass sich das Versöhnungsgeschehen nicht auf das Sakrament reduzieren lässt. Nach den Prozessen der Reue, Veränderung und Versöhnung müsse gefragt werden, um Hilfe auf dem christlichen Lebensweg zu geben und die Gemeinschaft zu stärken. Die Einzelbeichte könne jedoch dem Menschen helfen, durch das Aussprechen von Schuld zur Gewissheit der Vergebung zu gelangen.

Ökumenisch lernen
Der reformierte Frauenfelder Pfarrer Jürg Buchegger, Vizepräsident des LKF, hatte eingangs mit Verweis auf die Reformatoren und Bonhoeffer bemerkt, dass sich die Beichte nicht zur Abgrenzung der Kirchen voneinander eignet. Wie bemerkt worden ist: „Die Katholiken haben die Beichte – wir Reformierte müssen selbst mit unserer Schuld fertig werden.“ Die Tagung solle dem gegenseitigen Lernen dienen, sagte Buchegger, und „Ansätze für eine gesunde und gesund machende Praxis“ aufzeigen.

Der Thurgauer Kirchenratspräsident Wilfried Bührer erinnerte daran, dass Frauenfeld seit der Reformation konfessionell geteilt war. Versöhnung sei mehr als „Schwamm drüber“ und es gelte: „Ohne Versöhnung nach innen kann das Zeugnis nach aussen nicht wirken.“ Der gastgebende katholische Pfarrer Benedikt Wey beschönigte die aktuelle Krise des Sakraments nicht, das dem tiefen Bedürfnis nach Versöhnung mit sich und mit Gott entspreche. Wey verwies auf die heute geltende Vorschrift des Kirchenrechts: Katholiken haben einmal jährlich zu beichten. 13‘000 beichtende Gemeindeglieder würden die Priester ganz schön ins Schwitzen bringen …

Dornen für die Seele
Im zweiten Vortrag der Tagung sprach Sr. Doris Kellerhals, Oberin des Diakonissenhauses Riehen, über das Befreiende der Vergebung, die empfangen, gewährt und weitergegeben wird. Sie spiegelte Erfahrungen des gemeinschaftlichen Lebens an der Regel des Hl. Benedikt. Ärgernisse im gemeinsamen Leben verletzen laut Benedikt wie Dornen. In Abendgebeten „sind wir eingeladen, die Dornen, die wir tagsüber gesammelt haben, der Pinzette in der Hand des himmlischen Vaters zu überlassen, damit sie nicht mehr stechen können.“ Das Unser Vater im Abendgebet – um Vergebung bitten und vergeben – ist laut Sr. Doris Gemeinschaftshygiene.

Vergebung bedeutet nicht, so die Oberin der Riehener Schwesternschaft, „die eigenen Gefühle und die schmerzende Verletztheit zu negieren“. Vergebung sei mehr als ein „frommer Akt des Verzichts auf Rache und damit ein frostiger Waffenstillstand um des lieben Friedens willen“. Die Beteiligten hätten ihre Einstellung bewusst zu ändern und neu mit dem Aufbau lebendiger Beziehungen zu beginnen. In der von Versöhnung geprägten Gemeinschaft sei es erlaubt, Fehler zu machen.

Wiederherstellung ersehnt
Sr. Doris verwies auf die Sünde von Adam und Eva, die beziehungs- und verhältnislos machte (E. Jüngel). Sünde sei für viele Zeitgenossen nicht mehr begreiflich, doch suche das Kollektiv – bei schwindendem persönlichem Schuldbewusstsein – immer erbitterter nach Schuldigen, sogar bei Naturkatastrophen. In einer zerbrochenen Gemeinschaft wächst das Sehnen nach Wiederherstellung, nach Versöhnung. „Indem wir vergeben, haben wir Anteil an Gottes Wesen. Und zwar so, dass wir andern vergeben – ohne zuvor zu erwarten, dass sie zerknirscht zu uns kommen und sich entschuldigen.“ Schuld nachzutragen, so Sr. Doris, ist hingegen Schwerarbeit für die Seele. „Vergebung entlastet total und setzt heilende Kräfte frei.“

Nach Faber erwähnte auch die Riehener Oberin Martin Luthers Wertschätzung der Beichte. „Frei, willig und gern soll man beichten.“ Seelsorge verstand der Reformator von der Beichte her. Von Dietrich Bonhoeffer stammt die Einsicht, „dass der letzte Durchbruch zur Gemeinschaft nicht erfolgt, weil sie zwar als Gläubige, als Fromme Gemeinschaft miteinander haben, aber nicht als die Unfrommen, als die Sünder.“ In der Beichte bietet Gott dem, der sich mit seiner Sünde erkennt, seine Hilfe an. Auch evangelische Christen sollten sich aufmachen und die „Freiheit der Beichte entdecken“.

Gott schenkt Vergebung
Auf eine Frage hielt Eva-Maria Faber fest, die römisch-katholische Regelung schaffe klare Verhältnisse, verdecke aber, „dass eigentlich Vergebung nicht vom Priester, sondern von Gott her kommt“. Der Urheber der Vergebung könne sie auch da schenken, „wo nicht der Weg über die öffentliche Vergebung gegangen wird durch das Sakrament der Beichte“. Sr. Doris setzte hinzu, kraft des Wortes sei die Vollmacht, Vergebung zuzusprechen, jedem Christen verliehen. Faber sagte, Mitchristen könnten miteinander um Vergebung bitten. Und für Frauen gebe es Themen, „wo man lieber mit einer Frau spricht.“

Konflikte angehen, Versöhnung feiern
Die gastgebende Pfarrei St. Anna hatte im Garten einen Versöhnungsweg angelegt, den die Teilnehmer mit einem Gewissensspiegel begehen konnten. Nach der Mittagspause war Gelegenheit zur Aussprache mit Seelsorgenden, auch zum frohen Singen im Chor. In einem Workshop wurden Versöhnungserfahrungen geschildert, in einem andern von Versöhnungsfeiern erzählt, welche Quartierhauskreise der katholischen Pfarrei Zürich-Seebach vor Weihnachten und Ostern durchführen. Konflikte in der Gemeinde sind zu bearbeiten; darüber sprachen Madeleine Bähler und Marcus Weiand vom ComPax-Institut, Bienenberg.

Die Beichte sucht eine zeitgemässe liturgische Form. Die Pastoralassistentin Janique Behman (Bolligen) und Sr. Christa Gerber (El Roi, Basel) zeigten auf, dass in anderen Kirchen vieles zu entdecken ist. Beichte setzt Schuldbewusstsein voraus. Dazu sagte der Zuger Priester Leo Rüedi, die zunehmende Erfahrung der Liebe Gottes habe ihn schuldbewusst und zugleich fröhlicher gemacht. Rüedi, der mit Pfrn Silvianne Bürki durch die Tagung führte, zitierte Zwingli: „Die Wahrheit hat ein fröhlich Gesicht“. Das sei zu spüren gewesen.

Konflikttransformation in der Gemeinde: Handout zum Compax-Workshop
Anglikanische Beichtliturgie
Katholische Beichtliturgie
Seelsorgerliche Gemeinde entwickeln: Handout zum Workshop von Katharina Bula

Website der Fokolar-Bewegung Schweiz
Pfr. K. Flückiger zu Gemeindekonflikten: “Es braucht drei Jahre, bis eine neue Atmosphäre da ist“
Beichten tut wohl: Neues Buch von Peter Zimmerling


Autor: Peter Schmid     Bereitgestellt: 18.03.2014     Besuche: 21 Monat