Hanna Stettler in Tübingen habilitiert

Hanna Stettler

Hanna Stettler

Der grosse Tag war der 22. Januar 2008. In einem Hörsaal der Theologischen Fakultät in Tübingen hielt Hanna Stettler ihren Habilitationsvortrag. Im Interview erläutert sie die Schwerpunkte ihrer Arbeit.
Die Habilitation ist die Lehrberechtigung an einer Universität. In ihrer 500-seitigen Habilitationsschrift erforscht Hanna Stettler "Die Heiligung bei Paulus".

Wissenschaftliche Wanderjahre
Hanna Stettler ist seit Mai 2007 Pfarrerin in Gächlingen. Die Mutter von drei Buben teilt die 70%-Stelle mit ihrem Mann Christian, der an der Uni Zürich auf dem Weg zur Habilitation ist. Beide haben viel eingesetzt für die theologische Wissenschaft. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums und dem Vikariat im Kanton Thurgau arbeiteten sie wissenschaftlich weiter, als Stipendiaten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Universität Tübingen, in einem Forschungsprogramm des Nationalfonds und als Assistenten an der Universität Zürich.

Nach dem Doktorat folgte das Weiterstudium zur Habilitation, in den Jahren 2001 bis 2004 in Cambridge, England. Christian und Hanna Stettler haben während dieser Zeit ehrenamtlich in den verschiedenen Kirchgemeinden mitgearbeitet. Sie gab ref-sh.ch Auskunft über ihren Weg.



Interview

ref-sh.ch: Hanna Stettler, was war das für ein Gefühl auf der Fahrt nach Tübingen - nach so vielen Jahren Arbeit auf das Ziel der Habilitation hin?

Hanna Stettler: Unwahrscheinlich aufregend! Die Vorstellung, vor 30 Professoren und Dozenten zuerst einen Vortrag halten und dann auf alle Fragen, die diesem Gremium in den Sinn kommen, Rede und Antwort stehen zu müssen, war für mich einigermassen nervenaufreibend. Aber in Tübingen ging dann alles gut.

Du hast in deiner Habilitationsarbeit Paulus erforscht. Warum gerade Paulus? Gerade als Frau?

Ich denke nicht, dass man Paulus primär von 1. Korinther 14,34 her verstehen sollte. Aus den Grusslisten der Paulusbriefe – etwa in Römer 16 – wissen wir, dass er sehr viele weibliche Mitstreiterinnen für das Evangelium hatte und diese auch sehr schätzte. Priska und Junia zum Beispiel werden in Römer 16 ganz besonders anerkennend erwähnt.
Paulus war sozusagen der erste wissenschaftliche Theologe und hat uns als solcher eine unverzichtbare Auslegung der Jesustradition gegeben. Das macht das Paulusstudium bis heute spannend. In den letzten Jahrzehnten wurde vor allem aus dem angelsächsischen und skandinavischen Raum die bis dahin im deutschen Sprachraum übliche Paulusexegese auf den Spuren der Reformatoren scharf angegriffen. Das hat in ein ganz neues Nachdenken über Paulus selbst und seine Bedeutung für uns heute geführt.

Kannst du aus deiner Arbeit die zwei wichtigsten theologischen und praktischen Schlüsse ziehen?

Es ist nicht ganz leicht, die Arbeit mehrerer Jahre in wenigen Sätzen zusammenzufassen. Aber ich will versuchen, zu formulieren, was mich bei diesem Thema besonders fasziniert hat:
1.) Heiligung hat nach Paulus zwei Dimensionen: Sie vollzieht sich nicht (wie etwa in der Tugendlehre der Griechen) in der Selbstvervollkommnung des Individuums, sondern in der Liebe zu Gott und den Menschen, also einerseits in Gottesdienst, Gebet und Gotteslob und andererseits in der tätigen Liebe und Hingabe an andere Menschen im Alltag.
2.) Subjekt der Heiligung ist nicht das isolierte Individuum, sondern immer die Gemeinde Jesu Christi. Sie ist die Adressatin aller Aufforderungen zur Heiligung. Nur wo Menschen gemeinsam den Glauben leben, wird etwas sichtbar von der Heiligkeit Gottes.

Die Habilitation selbst, wie auch die vorherige wissenschaftliche Forschung war eine immense Arbeit. Was hat dich darin motiviert?

Ich habe große Freude an der theologischen Forschung an und für sich. Sie ist ungeheuer spannend. Aber dahinter steht noch mehr, nämlich der Wunsch, an der Ausbildung der jungen Theologinnen und Theologen mitzuwirken, die sich auf das Pfarramt vorbereiten.

Was ist nun die direkte Folge der Habilitation? Was machst du damit?

Ich habe nun das Recht und zugleich die Pflicht, 2 Stunden in der Woche an der Uni Tübingen Lehrveranstaltungen anzubieten, also eine Vorlesung oder ein Seminar zu einem neutestamentlichen Thema.

Ihr habt drei Kinder, die jetzt alle in der Primarschule sind. Wie ging das denn, die Habilitation und die Familie?

Mein Mann und ich haben uns, seit wir Kinder haben, immer die Arbeit in der Familie und im Beruf geteilt. Dadurch musste ich die akademische Arbeit nie auf Kosten der Kinder betreiben. Mein Mann ist ebenfalls dabei, eine Habilitationsschrift zu schreiben, und zwar im gleichen Fach. Der Austausch mit ihm ist immer eine sehr große Bereicherung für mich gewesen.

Du arbeitest jetzt in Gächlingen als Pfarrerin. Das ist nicht ein Hochschulpfarramt, sondern ein Dienst in einem kleinen Klettgauer Dorf. Könnte da nicht die Angst aufkommen, dass du hier als abgehobene Gelehrte arbeitest und dich niemand mehr versteht?

Die akademische Arbeit war für mich nie ein Selbstzweck. Deshalb habe ich auch in Zeiten, in denen mein Schwerpunkt bei der wissenschaftlichen Arbeit lag, in der Kirche mitgearbeitet und bei der Forschung immer die Gemeindewirklichkeit im Blick gehabt. Andererseits versuche ich, in der Gemeinde theologisch fundiert zu predigen. Das muss nicht in geschraubter Sprache geschehen. Wir sprechen auch mit unseren 3 Buben oft über theologische Fragen, und sie verstehen das und schulen uns zugleich darin, Dinge verständlich auszudrücken.

Kann deine Forschungsarbeit auch für unsere Kirche in Schaffhausen fruchtbar werden? Würdest du Vorträge halten?

Soweit es meine drei Schwerpunkte: Familie, Gemeinde in Gächlingen und Universität Tübingen zulassen, stehe ich gerne für Vorträge zur Verfügung.



Publikationen:

Pfrn. Dr. Hanna Stettler

1997 Promotion an der Universität Tübingen; Thema der Dissertation: „Die Christologie der Pastoralbriefe“, erschienen 1998 in der Reihe WUNT 2, 105 bei Mohr Siebeck in Tübingen (noch erhältlich; in allen wissenschaftlich-theologischen Bibliotheken vorhanden).
Hanna Stettler: Die Christologie der Pastoralbriefe - Inhaltsverzeichnis und Ausschnitte

2008 Habilitation an der Universität Tübingen mit der Habilitationsschrift: „Die Heiligung bei Paulus“ (wird noch veröffentlicht).

Pfr. Dr. Christian Stettler

Promotion an der Universität Zürich mit der Dissertation: „Der Kolosserhymnus: Untersuchungen zu Form, traditionsgeschichtlichem Hintergrund und Aussage von Kol 1,15-20“, erschienen 2000 in der Reihe WUNT 2, 131 bei Mohr Siebeck in Tübingen (noch erhältlich; in allen wissenschaftlich-theologischen Bibliotheken vorhanden).
Christian Stettler: Der Kolosserhymnus - Inhaltsverzeichnis und Ausschnitte
Autor: Peter Schmid     bereitgestellt: 22.10.2009     Besuche: 11 Monat