Reformierte Kirchen in allen Weltteilen wollen zusammenwachsen. Der Reformierte Weltbund RWB und der Reformed Ecumenical Council REC haben sich zur Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen WRK vereinigt. Der Zusammenschluss wurde am 18. Juni an der Vollversammlung in Grand Rapids, USA, vollzogen. Im Vorfeld sprach das LKF mit Gottfried Locher. Der künftige SEK-Ratspräsident wirkte seit 2004 als Vertreter Europas im Präsidium des Reformierten Weltbundes mit. Locher ist in Grand Rapids ins Präsidium der WRK gewählt worden, mit Verantwortung für die Finanzen.
LKF: Welche Perspektiven eröffnet der Zusammenschluss zur Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen?
Gottfried Locher: Ich beantworte das in zwei Teilen: was sie sein möchte und was sie in den nächsten Jahren aus pragmatischer Sicht sein kann. Die WRK möchte eine weltweite Kirchenfamilie sein, die uns zeigt, dass Kirche nicht nur am Ort und im Kanton, auch nicht nur im Kirchenbund ist, sondern eben eine globale Dimension hat. Kirche ist man nicht nur vor Ort, sondern mit anderen. Wir sind weltumspannend reformiert, mit Christen in anderen Kontexten, die andere Chancen und Schwierigkeiten haben.
Nun müssen wir sehen, dass die WRK, die 80 Millionen Reformierte in 108 Ländern verbinden will, mit ganz knappen Finanzen startet. Wird sie die Aufgaben wahrnehmen können, die man ihr geben will? Ich bin voller Hoffnung, was die Sache angeht, aber skeptisch, ob die Mittel für die Umsetzung ausreichen. Alle Seiten wollen in Genf, wo auch die anderen ökumenischen Organisationen ihren Sitz haben, bleiben.
Existiert der Reformierte Weltbund RWB weiter?
Nein, er löst sich auf und geht in der neuen Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen auf. Das englische Wort ‚Communion‘ meint Kirchengemeinschaft – wir sind nicht nur institutionell verbunden, sondern miteinander unterwegs. Miteinander Kirche sein: Was wir im Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund SEK diskutieren, beschäftigt uns auch auf der Welt-Ebene.
Was kennzeichnet den kleineren Verband, den Reformed Ecumenical Council (REC)?
In ethischen Fragen sehe ich keinen grossen Unterschied zum RWB. Aber sie legen Wert auf das Bekenntnis. Ihnen sind Bekenntnistexte für die Einheit ihres Bundes wichtig. Sie sind traditionsbewusst und fragen uns im RWB, wie ernst wir unsere Tradition nehmen. Zum REC gehören vor allem reformierte Kirchen in Nordamerika sowie in den Niederlanden und ihren ehemaligen Kolonialgebieten.
Werden künftige Vollversammlungen mehr nach den Wurzeln reformierten Kircheseins fragen?
Nach Elementen der Einheit. Das Fragen ist nicht rückwärtsgewandt, sondern man will finden, was die Einheit in der Weltgemeinschaft befördert, sie sichtbar und erfahrbar machen. Bis jetzt ist die Einheit weitgehend eine Behauptung.
Der RWB hat sich antikapitalistisch profiliert. Wird sich das Gewicht von politischer Theologie zu Bekenntnisfragen verschieben?
Eher wird man diese Stossrichtung, den Kampf gegen Ausbeutung, verbinden mit theologischer Grundlagenarbeit. Ich glaube, dass sie einander ergänzen. Einheit in Gerechtigkeit, lautet das Motto. Man kann nicht von theologischer Einheit reden, ohne sich mit Gerechtigkeit zu befassen, aber man kann auch nicht nur von Sozial- und Wirtschaftsethik reden, ohne nach der gemeinsamen theologischen Basis, die uns zusammenhält, zu fragen. Die Kunst wird darin bestehen, die beiden Seiten im Gleichgewicht zu halten.
Dieselbe Herausforderung hat der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) in Genf. Er hat in den letzten 50 Jahren grossartige sozialethische Einheitspositionen erarbeitet, ist aber in der Theologie nicht wirklich weitergekommen, hat den Durchbruch zu theologischer Einheit nicht geschafft.
Die Kirchen der nun entstehenden reformierten Familie sind ja theologisch nicht so weit auseinander wie Orthodoxe, Reformierte und Lutheraner im ÖRK. Ihre Tradition sollen sie aber theologisch leben. Das Bekenntnis ist eines der Elemente, aber es kommt auch auf die Liturgie, die Form des Gottesdienstes, an. Wie schaffen wir es zum Beispiel, dass bei uns in einer Landgemeinde in der Fürbitte bedacht wird, dass es auf der anderen Seite des Globus reformierte Brüder und Schwestern gibt? Wie kommt das in die Liturgie hinein? Wir werden nicht nur wirtschafts- und sozialethische Fragen haben.
Die Schweizer Reformierten beschäftigen sich neu mit dem Thema Bekenntnis. Was für Bekenntnistexte hat der REC und wie gewichtet er sie?
Für den Reformed Ecumenical Council ist es wichtig, dass die Bekenntnisse der Reformationszeit, auch die Theologische Erklärung von Barmen von 1934 im Leben der Kirchen präsent sind, dass sie in Gottesdiensten vorkommen, dass man Elemente in die Liturgie hineinnimmt, den Katechismus einmal miteinander durchspricht. Es geht darum, dass Bekenntnistexte uns zurückbinden an eine Vergangenheit, von der wir herkommen.
Homepage der Weltkonferenz Reformierter Kirchen
Bericht über den Verlauf der Gründungsversammlung in Grand Rapids
SEK-Bilanz von Grand Rapids