
Neue Studierende des TDS, Sommer 2009.

Peter Henning im Gespräch mit dem Zürcher Kirchenrat Marcel Riesen.

Eröffnungsfeier 2008.
| Diakonie braucht Denkwerkstätten und gemeinschaftliche Lernorte. 2010 hat das Theologisch-Diakonische Seminar TDS Aarau sein 50-jähriges Bestehen gefeiert. In der Festschrift zeichnet Peter Henning, bis 2006 TDS-Rektor, die Ausbildungsdebatte der letzten Jahre nach. Und wagt Prognosen zur Bedeutung des TDS, wenn Kirchen im steifen Wind gesellschaftlicher Prozesse stehen. Eine bereits in den sechziger Jahren in der Zürcher Kantonalkirche geführte Grundsatzdiskussion zur Qualifikation kirchlicher Sozialdiakone aktivierte sich ab 1999 vor allem in den beiden grössten Landeskirchen und tangiert seitdem die Existenz des TDS insofern, als dort einige starke Stimmen die sozialdiakonische Ausbildung auf höherer Fachschulebene aufgeben wollten. Um eine hohe Kompetenzqualität kirchlicher Sozialarbeit zu gewährleisten, sollten zukünftig nur noch Absolventen von Fachhochschulen mit kirchlicher Zusatzausbildung zum Berufsfeld zugelassen werden. Dieses Anliegen hat selbstverständlich eine gewisse Berechtigung, besonders für den urbanen Raum grossstädtischer Agglomerationen, berücksichtigt jedoch die Realitäten an der Basis aller übrigen Gemeinden zu wenig. Ausbildung auf beiden Ebenen Deswegen konnte sich diese einseitige Forderung nach einem zwingenden Fachhochschulabschluss für kirchliche Sozialdiakonie auch nicht durchsetzen. Deshalb entschied die Diakonatskonferenz der reformierten Landeskirchen der deutschsprachigen Schweiz DDK dann einstimmig im Mai 2007, weiterhin Ausbildungen auf beiden Ebenen (Fachhochschule und Höhere Fachschule) anzuerkennen. Seither wurde deutlich, dass auf der Ebene der Höheren Fachschulen noch kein staatlich anerkannter Berufstitel existiert, der dem Berufsfeld der Sozialdiakonie nahe kommt. Darum hat die DDK eine Arbeitsgruppe, in der auch das TDS vertreten ist, eingesetzt, um die Entwicklung eines solchen Berufstitels zusammen mit andern interessierten Kreisen voranzutreiben. Auf jeden Fall bleibt es bei der «doppelten Qualifikation» der Sozialdiakonin und des Sozialdiakons im sozial-fachlichen und theologisch-kirchlichen Bereich. Den bisher anerkannten Ausbildungsstätten TDS Aarau und Schule für Diakonie Greifensee wurde allerdings vorläufig eine Übergangsfrist bis 2012 gewährt, um die staatliche Anerkennung vom Bundesamt für Berufsbildung und Technologie BBT für den sozialfachlichen Teil ihrer Ausbildung zu erlangen. Dazu ist anzumerken, dass sich beide Ausbildungsstätten schon lange vor 2007 um staatliche Anerkennung bemüht hatten, aber wegen den Umbrüchen in der bildungspolitischen Landschaft und der Verschiebung der Zuständigkeit von den Kantonen zum Bund dies nicht erreichen konnten. Angesichts des noch ausstehenden geeigneten Berufstitels (s.o.) erscheint die Frist bis 2012 zunehmend als unrealistisch. Schon die Bibelschule hatte sich seit den Anfängen immer eine «doppelte Qualifikation» auf die Fahnen geschrieben: Eine theologisch fundierte und praktisch relevante («missionarisch-erweckliche») Ausbildung. Mit der schon erwähnten Curriculumrevision Ende der 80er-Jahre, der Namensänderung zu TDS im Jahr 1991 sowie den seither erfolgten Lehrplananpassungen wurde der Weg konsequent weiterbeschritten, die kirchlich-theologischen und die sozialfachlichen Kompetenzen auszuweiten und zu vertiefen sowie konsequent miteinander zu integrieren. Insofern scheint das TDS für die Zukunft gut gerüstet zu sein! Bald völlig neue Perspektiven? Diese gerade skizzierte mittelfristige Aussicht auf eine doppelte – also kirchliche und staatliche – Anerkennung würde TDS-Absolventen völlig neue Perspektiven eröffnen: Auch die weit gespannte öffentliche Sozialarbeit und Sozialfürsorge kämen als Arbeitsfelder vermehrt in Frage und sie könnten sich mit ihrer sozialdiakonischen und geistlichen Kompetenz auch ausserhalb des kirchlichen Raums in den Problemfeldern unserer Gesellschaft einbringen. Welche Auswirkungen das alles auf das Lern- und Bildungsangebot haben wird, ist augenblicklich noch offen, fördert aber eine spannungsvolle Neugierde und hat auch im TDS bereits innovatives Nachdenken und weitsichtiges Planen freigesetzt. Denn es kommt noch etwas Anderes hinzu: Ausbilden für die Kirche von morgen Wie viele andere Bereiche der Öffentlichkeit befinden sich auch die Kirchen und Freikirchen auf der «Baustelle Zukunft» und mit ihnen die Ausbildungsstätten. Die zukünftige Gestalt von «Kirche » und «Gemeinde» zeichnet sich noch nicht so deutlich ab, wie es sich manche wünschen. Wir befinden uns im deutschsprachigen Raum auf jeden Fall in einer Übergangsphase, in der viel Gewohntes wegbricht und ebenso viel Neues experimentiert wird. In solchen Schwellenzeiten Ausbildungsziele zu formulieren, ist grundsätzlich schwierig. Und wissen wir in unserer schnelllebigen Zeit überhaupt noch so sicher, was die heute neu eintretenden Studierenden in vier Jahren nach ihrer Diplomierung dann wirklich erwartet? Ob Lehrplananpassungen zum jährlichen «Muss» werden? Wie stark auch immer der Zulauf zu den verschiedenen Studiengängen des TDS in Zukunft sein wird – denn die kirchlichen, gesellschaftlichen und nicht zuletzt auch wirtschaftlichen Entwicklungen sind nicht abwägbar – die Qualität der Ausbildung muss nicht verloren gehen, auch wenn äussere Formen und Gefässe verändert und angepasst werden müssen. Auftrag erfüllen Dem TDS wurde es nämlich in den vergangenen fünf Jahrzehnten immer wieder geschenkt, sich offen und kreativ auf gesellschaftliche und kirchliche Veränderungen so einzustellen, dass Mitte, Sinn und Ziel aller Ausbildung nicht verloren gingen und doch zeitgemässe Strukturen und Gefässe geschaffen wurden. Dass im TDS gerade nicht nur vergangenheits-, sondern stets auch zukunftsorientiert gehandelt wurde, entsprang dem Glauben an den Auftraggeber und dem Gehorsam, der weltweiten Kirche zu helfen, ihren Missions- und Diakonieauftrag unter allen Umständen zu erfüllen. Die Wege und Methoden, diesem Auftrag je in verschiedenen Zeiten und Kulturen zu entsprechen, dürfen und müssen wechseln und variabel bleiben! Deshalb stehen dem TDS spannende Jahre bevor, in denen sich im Inland unter Umständen neue Möglichkeiten abzeichnen, um über das kirchlich- gemeindliche Umfeld hinaus zu wirken. Es wäre ausserdem begrüssenswert, wenn sich dazu vorhandene Synergien in unterschiedlichen, aber zielbestimmten Kooperationen nutzen liessen, vor allem natürlich mit denen, welche das Anliegen einer von christlichen Werten bestimmten Gesellschaftsdiakonie teilen. «Kirche für andere» Es wird zudem wesentlich darauf ankommen, dass die Absolventinnen und Absolventen des TDS befähigt sind, der christlichen Gemeinde in den Ortskirchen ihre gesamtgesellschaftliche Verantwortung bewusst zu machen und sie dafür zu aktivieren. Die Zeichen für einen missionarisch-diakonischen Aufbruch der Gemeinden, «Kirche für andere» sein zu wollen, sind manchenorts schon recht ermutigend und Christen sind auch in der Öffentlichkeit durchaus gefragte Fachleute für spezielle gesellschaftliche Entwicklungen, Fragen und Probleme. Und sobald sich missionarisch gesinnte Gemeinden vermehrt in Gesellschaftsdiakonie investieren, sind Schulung und Kompetenzvermittlung gefragt, wofür sich etwa ein modulares kollegartiges Gemeindeseminar mit Zertifikatsabschluss des TDS anbieten würde. Ohne Zweifel stünden dem TDS hier Ressourcen, Erfahrungen und ein motiviertes Team zur Verfügung. Im säkularen Gegenwind Dass der Einfluss des christlichen Glaubens in Europa gesamtgesellschaftlich abnimmt, wird sich voraussichtlich nicht so schnell aufhalten lassen. Nach der Wende von 1989 erlebte auch der westliche Teil Europas einen Säkularisierungsschub mit einer messbaren Abnahme der Kirchenmitglieder. Und wenn der abtretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland EKD Wolfgang Huber in seinem Ratsbericht im Oktober 2009 festhielt, der Wind blase der Kirche wieder heftiger ins Gesicht, dann stellt sich bei ähnlichen Symptomen in der Schweiz die Frage, ob die Ausbildung am TDS und anderswo auf solche Entwicklungen vorbereitet und in welcher Weise die damit gegebene apologetische Aufgabe angefasst werden müsste. Hier könnten Beziehungen zu Kirchen und Seminaren fruchtbar gemacht werden, die in einem intoleranten Umfeld leben wie z.B. das SAIACS-Institut im indischen Bangalore, wo Dieter Kemmler seit 1987 jährlich einen mehrwöchigen Lehrauftrag wahrnimmt und immer wieder auf Christen gestossen ist, die zum Verhalten in Verfolgungszeiten und zum Zeugnis des Evangeliums in nichtchristlicher Umgebung Entscheidendes zu sagen haben. Absolventen in Übersee Dieser letzte Hinweis unterstreicht noch einmal, wie das TDS seit 50 Jahren sehr bewusst seinen Platz in der Weltmission ausgefüllt hat und äusserst dankbar für seine Absolventinnen und Absolventen ist, die teilweise schon seit Jahrzehnten auch ausserhalb der Schweiz z.B. in Südamerika, Afrika und Asien nicht selten in leitender Verantwortung dortiger Kirchen und Werke tätig sind. Diese internationale Dimension gelebten Christseins wird in unserer längst globalisierten Welt zunehmend alltäglich und öffnet dem TDS die hoffnungsvolle Perspektive, dass es in diesem grösseren Kontext gerade nicht überflüssig wird. Denn wie auch immer sich die Diskussionen zum Berufsfeld kirchlicher und christlicher Sozialdiakonie in der Schweiz entwickeln werden – wenn Zielpunkt der Ausbildung auch weiterhin nicht nur die Schweiz, sondern auch das weltweite Netzwerk des Reiches Gottes bleibt, wird das TDS auch künftig seinem Bildungsauftrag gemäss genug zu tun haben. Neues Profil gesucht Es könnte noch eine spannende Entwicklungsphase werden, in der nach einem Ausgangsprofil der Absolventen gesucht wird, das einerseits – wie erwähnt – dem absehbaren Status einer Minderheitenkirche im säkular-religiösen Umfeld Europas gerecht werden könnte und andererseits auch den stark wachsenden, einerseits noch jungen und andererseits schon selbstbewussten Kirchen ausserhalb der so genannten westlichen Welt Europas und Nordamerikas dienen kann. In einer globalisierten Welt mit einer globalisierten Kirchengemeinschaft für den Missionsauftrag auszubilden in den konkreten Herausforderungen, denen sich Christen regional gegenüber sehen – auch das wird je länger je mehr die Agenda theologischer und kirchlicher Seminare und Ausbildungsstätten bestimmen und sie wahrscheinlich dazu bringen, sich vermehrt in einem Netzwerk von Kompetenzzentren zusammenzufinden. |
| Auszug aus: Peter Henning: Glauben Verstehen Handeln. gottseidank 50 Jahre TDS Aarau: Eine Festschrift Aarau: Theologisch-Diakonisches Seminar, 2010 (S. 97ff – Zwischentitel LKF) Website des TDS Zurück zum Dossier |