Mit Familien unterwegs

Auf der Spur des Reformators Huldrych Zwingli.

Auf der Spur des Reformators Huldrych Zwingli.

Spielen gehört dazu: Michel Müller in einer Unterrichtsstunde.

Spielen gehört dazu: Michel Müller in einer Unterrichtsstunde.

Michel Müller nach der Wahl zum Kirchenratspräsidenten am 15. März 2011, mt seinem Vorgänger Ruedi Reich.

Michel Müller nach der Wahl zum Kirchenratspräsidenten am 15. März 2011, mt seinem Vorgänger Ruedi Reich.

Familien begleiten, an Höhepunkten und in Krisen und (vor allem) im Alltag: Michel Müller hat es während 17 Jahren als Pfarrer in der Vorstadtgemeinde Thalwil getan. Der Zürcher Kirchenratspräsdient weiss aus Erfahrung, wie Kirche für Familien relevant wird und was zum Gelingen von Familienarbeit beiträgt.

LKF: Die Kirchgemeinde kann Familien stärken. Worauf kommt es an?

Michel Müller:
Die Kirchgemeinde begegnet den Familien in biografisch und emotional wichtigen Momenten: Hochzeit, Geburt/Taufe, Jugend/Konfirmation, Abschied/Beerdigung. Dabei geht es nie nur um Einzelpersonen, sondern immer auch um familiäre Ereignisse, die lebensgeschichtlich und religiös gedeutet werden wollen: Gott ist da in Freud und Leid. Diese Höhe- und Tiefpunkte in einer Familiengeschichte bleiben nicht isoliert; sie werden mit seelsorglich-diakonischen oder katechetischen Angeboten ergänzt und verbunden. Reformierte Kirche ist dabei nicht ausschliesslich ‘Familienkirche’, aber auch!

Wie haben Sie im Pfarramt angesetzt?

Als Verantwortlicher für die Katechetik habe ich nicht einfach Stunden gehalten, sondern – entsprechend dem Konzept – die Kinder- und Jugendaktivitäten mit Familienanlässen und Elternbildung verbunden. Pfarrkonvent und Sozialdiakon haben begonnen, vernetzt zu arbeiten: alt und jung, einsam und gemeinsam, kirchennah und kirchenfern konnten miteinander verbunden werden. Wenn man 17 Jahre in derselben Gemeinde arbeitet, dann kennt man ganz einfach viele Familien in verschiedenen Phasen und Situationen. Migros-Besuche oder Bahnhofaufenthalte waren dann auch Familienarbeit. Kirche muss Gesichter haben.

Am Sonntag und an Werktagen?

Der Sonntag war vor allem für besondere Anlässe im Zusammenhang mit Unterrichtsthemen gefragt: da war die Kirche jeweils voll mit Familien. Lagerwochen auswärts oder im Kirchgemeindehaus, Mittagessen, Spieltreff, Unterrichtsfeiern, Kinder- und Jugendgottesdienste: ein gemischtes Programm mit unterschiedlichen Akzenten, Akteuren und Tageszeiten sprach sehr viele Menschen an.

Wo stehen Kirchgemeinden nach Ihrer Wahrnehmung an?

Ich hatte Glück, mit toleranten und familienfreundlichen Hauswarten und Sigristen, Kirchenmusikerinnen und  weiteren Mitarbeitenden. Pfarrteam und Diakonat gönnten sich die Erfolge. Wo das nicht der Fall ist, wirds streng. Die Kirchenpflege unterstützte innovative Projekte. Für Ungeplantes standen auch Legate zur Verfügung. Es braucht Mut und Flexibilität: Was nicht läuft, darf auch abgesagt werden. Fehler sind zum Verbessern da und nicht für Schuldzuweisungen. Lärmige Kinder und gleichgültige Eltern dürfen auch erzogen werden; es wirkt durchaus integrativ, wenn sich Familien aus verschiedenen Schichten und Kulturen einfinden.

Der Artikel 6 der neuen Zürchen Kirchenordnung lautet: "Die Landeskirche tritt ein für die Familie, für eine kinderfreundliche Gesellschaft und für das Miteinander der Generationen". Wie wird die Bestimmung umgesetzt und das Miteinander der Generationen gefördert? Was empfehlen Sie Gemeinden?

Die Landeskirche hat eine Fachstelle für Familien. Da kommen auch die verschiedenen Situationen und Bedürfnisse in den Blick. Als Landeskirche haben wir kein Heilewelt-Familienbewusstsein. Gerade in Familien muss sich die Kraft der Vergebung und Versöhnung entfalten, die Christenmenschen aus dem Glauben an Jesus empfangen dürfen. Im weiteren Sinn gehören also auch die Paarberatungsstellen zu unserer Familienarbeit.

Im Rahmen des Diakonie- oder Jugendkredits können innovative Gemeindeprojekte unterstützt werden, wo das ordentliche Budget nicht ausreicht. Erfreulicherweise werden diese Kredite ausgeschöpft: es läuft also viel in den Gemeinden!

Zum Miteinander der Generationen gehört der Blick zu den Senioren aber auch die Förderung von Nachwuchs im Bereich von Freiwilligen und Mitarbeitenden. Gerade da sind die Gemeinden gefragt, dass sie für Projekte junge Leute anfragen und Raum für Ideen geben. Kirche kann nämlich oft sehr unbürokratisch etwas ermöglichen, weil sie Räume und Personal hat, wo sonst in Städten und Gemeinden alles ausgebucht ist.

Gemeinden können vernetzt arbeiten, wenn die Verantwortlichen miteinander absprechen und am selben Strick ziehen, der Einzelne und Familien miteinander verbindet.


Michel Müller war 1994-2011 Gemeindepfarrer in Thalwil. Er ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Seit 1. Mai 2011 ist er Kirchenratspräsident der Zürcher Landeskirche.

Zurück zum Dossier Familie
Autor: Peter Schmid     Bereitgestellt: 22.02.2012