
Das Kirchlein von Tschappina auf dem Heinzenberg.

Kleingruppe im Dorf: Die Konfirmanden von Bilten, 2009.
| Damit die Kirche nicht nur im Dorf bleibt, sondern auch Gemeinde im Dorf lebt, ist Bestehendem Sorge zu tragen und Neues anzupacken. Die Perspektiven kleiner Gemeinden fordern die Landeskirchen tiefgreifend heraus. Die LKF-Tagung am 10. September 2011 in Bern vermittelte ermutigende Perspektiven. Bilten am Rand der Linthebene zählt 1200 Reformierte. Vor zehn Jahren trat Richard Zberg das 100-Prozent-Pfarramt an. Als die Glarner Synode das Pensum auf 75 Prozent kürzte, beschloss die Kirchgemeinde, das Viertel selbst zu finanzieren. Vor kurzem wurden diese 25 Prozent gestrichen. Zberg muss keinen Unterricht mehr erteilen und wird in der Region neu durch ein Sekretariat entlastet. Er freut sich über je zwei Hauskreise von Jugendlichen und Erwachsenen. Wird die geplante Regionalisierung umgesetzt, „kann ich mich nicht mehr wie bisher um meine Gemeindeglieder kümmern“. Zberg meint, dass Senioren der Fahrt zum Gottesdienst in Nachbardörfer abgeneigt sind. „Schleichende Selbstzerstörung“ Die Aussichten für kleine ländliche Kirchgemeinden sind in den meisten Kantonen nicht gut. Was Jörg Stolz den Reformierten insgesamt mittelfristig prognostiziert (kleiner, älter, ärmer), geht ihnen ans Lebendige. In ländlichen Gebieten droht eine „schleichende Selbstzerstörung der Landeskirchen“: Diese Einschätzung findet sich im Visitationsbericht 2007 des St. Galler Kirchenrates. Die Befragung der lokalen Vorsteherschaften ergab mehr Zuversicht in grösseren Kirchgemeinden. In Gemeinden von 900-2200 Mitgliedern mit einem Einzelpfarramt wurde die Situation deutlich schlechter eingeschätzt als dort, wo Pfarrpersonen und Sozialdiakone (zusammen über 100 Stellenprozente) arbeiten. „Grössere Gemeinden haben es einfacher, weil sie über mehr – und über mehr verschiedene – Mitarbeitende verfügen, und weil sie mit mehr potentiellen Teilnehmenden an einem Programm rechnen können.“ Reibungsverluste Der St. Galler Kirchenrat stellte die Wintersynode 2008 vor die Alternative: weiter wie bisher – oder regionale Kirchgemeinden fördern. Setze man die Anreize nicht neu, werde sich in kleinen Gemeinden die Konzentration auf Gottesdienste und Amtshandlungen noch verstärken – regelmässig unattraktiv für junge Menschen und Zuzüger. „Pfarrpersonen mit kleinen Pensen kommen oft nur noch für Dienstverrichtungen ins Dorf.“ Die Ende der 1990er Jahre geförderte regionale Zusammenarbeit kleiner Gemeinden habe sich als „strukturell kompliziert und konflikt-anfällig“ erwiesen, ist im Visitationsbericht zu lesen. Mehr Interaktion Die St. Galler Synode folgte dem Kirchenrat: Der Zusammenschluss von kleinen Gemeinden soll gefördert werden, mit dem Ziel vermehrter Interaktion und eines besseren, dezentralen Personaleinsatzes. (Neu hat die Bildung von regionalen Kirchgemeinden im Ostschweizer Kanton keine Stellen- und Finanzverluste mehr zur Folge. „Mit all dem wächst das Wir-Gefühl. Man fühlt sich nicht mehr als ‚verlorenes kleines Häufchen‘, sondern hat den Eindruck, zu etwas Wichtigem, Gutem und Blühendem zu gehören.“ In den Bestrebungen für Strukturwandel, die bisher fünf Fusionsprozesse von 13 ländlichen Kirchgemeinden ausgelöst haben, lässt sich der Kirchenrat unter Dölf Weder von der Überzeugung leiten: „Es ist wichtig, dass die Kirche in den Dörfern vor Ort ist. Aber nicht jedes Dorf muss eine eigene Kirchgemeinde haben.“ (Übersicht über den Prozess St. Galler Kirche 2015) Parochie unter Mobilitätsdruck Ein Dorf – eine Kirche – ein Pfarrer: Das von Karl dem Grossen vor 1200 Jahren eingeführte Parochialprinzip (paroikia, griechisch: dabei wohnen) wird durch die Mobilität der jüngsten Zeit ausgehebelt (zu schweigen von der Digitalisierung). Mit Auto und ÖV hat sich der Alltags-Radius auf Dutzende von Kilometern erweitert. Und doch soll die Kirche im Dorf bleiben! Hans Jörg Fehle, der als Pfarrer im Toggenburg arbeitete, betont vom Neuen Testament her, dass das Potenzial der Kirchgemeinde primär in den Charismen ihrer Mitglieder liegt. „Der Weg zu lebendigen Kirchgemeinden führt deshalb nicht automatisch über Grösse und Professionalisierung, sondern über engagierte ‚Laien‘.“ In kleinen Kirchgemeinden sei man aufeinander angewiesen, „und es ist unmittelbar erlebbar, was man mit vereinten Kräften erreichen kann.“ Fehle mahnt, die regelmässige Sonntagsfeier am Ort nicht leichtfertig preiszugeben. Gemeinsam Pfr. Karl Flückiger von der Zürcher reformierten Fachstelle für Gemeindeaufbau, wird zunehmend von Kirchenpflegen beigezogen. Um in kleinen Gemeinden Prägnantes und Überzeugendes zu gestalten, müssten „glaubwürdige Menschen“ miteinander an einem Strick ziehen und zielgerichtet umsetzen, was langfristig geplant wurde. Ist die Zahl der Mitarbeitenden klein, sind sie laut Flückiger vor Überlastung durch immer neue Forderungen zu schützen. Es gelte „herauszufinden, was sie gerne tun – nicht, was nötig oder auch noch schön wäre“. Zugleich ist die Zahl der Freiwilligen zu steigern – das bezeichnet Flückiger als Kerngeschäft des Gemeindeaufbaus. Wesentlich trage dazu eine Stimmung des Aufbruchs bei, „durch eine Atmosphäre des Miteinanders, durch gute Beziehungen und Netzwerken zu allen Bevölkerungsgruppen und Vereinen und Parteien vor Ort“. In allem seien Freiwillige sorgfältig zu begleiten. Überörtliche Zusammenarbeit oder Regionalisierung empfiehlt sich laut Flückiger in der Jugendarbeit und in der Diakonie. Im ländlichen Bezirk Andelfingen habe sich Erwachsenenbildung durch eine regionale Pfarrstelle bewährt. |
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