Kirche in der Postmoderne

Nicht andere Formen oder originelle Ideen werden die Kirche in der Postmoderne retten. Vielmehr ist das Evangelium neuartig zu denken und zu leben.

Kirchen müssen lernen, dass sie nicht mehr evangelisieren (d.h. an Bekanntes appellieren) können, sondern wieder missionieren (d.h. Unbekanntes entschlüsseln) müssen. Denn die Botschaft ist nicht mehr selbstredend. Dies sagte Alex Kurz an der LKF-Tagung über Kirche in der Postmoderne am 7. November 2009 in Zürich.

Nach dem Zerbrechen der «grossen Erzählungen» (Jean-François Lyotard), jener Leitvorstellungen, die bis 1945 den weltanschaulichen Rahmen der Moderne bildeten, hat sich laut Kurz ein Ersatz hergestellt: Nach 1990 hat sich «der Markt zur grossen Erzählung der Postmoderne entwickelt». Die Logik des Marktes – dass alles als Ware deklariert werden kann – durchdringe jeden Lebensbereich. Zudem werden Medien wichtiger: «Wenn es nichts mehr gibt, was Menschen fraglos eint, kommt es zu sehr mühsamen Kommunikationsprozessen.»

Gelesen, aber nicht mehr verstanden
Kirchen reagierten auf die neue Unübersichtlichkeit entweder mit Abschottung oder mit dem Versuch, als Autorität den religiösen Markt zu beeinflussen, sagte Kurz, Pfarrer in Rohrbach BE, vor den 70 Teilnehmenden der LKF-Tagung. So böten sich Reformierte für die Moderation interreligiöser Gespräche oder ethischer Debatten an. Doch würden sie von aussen anders gelesen, als sie sich selbst verstünden.

Anderseits vergeistlichten Kirchen den Markt, was ähnlich verhängnisvoll sei. Dann werde Wachstum zum Segen erklärt, Kirche entsprechend Kundenbedürfnissen gestaltet und es entstünden «Gleichgesinntenvereine ohne Ausstrahlung nach aussen».

«Wir gehören nicht mehr zum Kern»
Doch wie das Evangelium im 1. Jahrhundert Sklaven und Freie, Juden und Griechen eins machte (Die Bibel, Galaterbrief, Kapitel 3, Vers 28), hat auch heute jene Kirche, die verschiedene Menschengruppen verbindet, mehr Ausstrahlung. Kurz sieht die Kirchen in der Postmoderne in einer «Aussenseiterrolle» – doch gerade da, von aussen, könnten sie schärfer wahrnehmen, was in der Gesellschaft abgehe.

Experimentieren
Alex Kurz plädierte dafür, «den Markt zu instrumentalisieren mit der Logik des Evangeliums»: Mittel des Marktes einzusetzen, um die gute Botschaft von Jesus Christus zu leben und zu verkündigen. Dabei dürfe experimentiert werden, Fehler seien möglich und der richtige Zeitpunkt, der Kairos, entscheidend. Wenn der Christ als Vertreter eines religiösen Systems unter vielen angesprochen werde, solle er dies nicht abweisen, aber zugleich auch betonen, dass die Offenbarung ihm zur Wahrheit wurde. In der Postmoderne dürfe das Gebet nicht auf blosse Psychohygiene reduziert werden (was der Zeitgenosse versteht), sondern sei auch als Gespräch mit dem Herrn zu bezeugen. Zu entwickeln ist eine «Aussenseiterkirche mit Ausstrahlung, mit einer Theologie, die beantwortet, was Menschen fragen».

Dokumente
R. Kunz: Gemeindeforschung im Kreisel der Postmoderne
Autor: Peter Schmid     bereitgestellt: 22.06.2010     Besuche: 21 Monat