| Die Fakten, welche die Religionssoziologen Jörg Stolz und Edmée Ballif in einer (noch unveröffentlichten) Analyse des SEK anführen, alarmieren, wenn sie im Blick auf grosse gesellschaftliche Trends gedeutet werden. Einige Punkte: • „Hält die heute zu beobachtende Entwicklung an, muss damit gerechnet werden, dass die Kirche bis zum Jahre 2040 mindestens ein Drittel ihrer Mitglieder und parallel dazu Finanzen und Personal verlieren wird… Die Kirchen werden kleiner und ärmer, ihre Mitglieder werden älter.“ • „Das Zugehörigkeitsgefühl zur reformierten Kirche erodiert in allen Mitglieder-Kategorien (Engagierte, gelegentliche Kirchgänger, Nicht-Interessierte), ein gutes Drittel der Mitglieder hat schon mit dem Gedanken eines Kirchenaustritts gespielt. Eine Organisation braucht jedoch zum Überleben ein Minimum an sozialen Beziehungen und an einsatzwilligen Personen. In dieser Hinsicht ist der Fortbestand der reformierten Kirche nicht gesichert.“ • „Die ‚Produkte‘ der Kirchen sehen sich zunehmend einer scharfen säkularen Konkurrenz ausgesetzt.Die Menschen können und müssen sich überlegen, ob nicht andere, oftmals säkulare Angebote ihre Bedürfnisse besser und kostengünstiger befriedigen. Ihnen steht dabei eine grosse Auswahl an Möglichkeiten offen. Gemeinschaft wird auch von diversen Freizeitclubs (z.B. Sportclubs, Chöre usw.) angeboten. Spirituelle Aktivitäten sind auch im Rahmen von Wellness, der Populärpsychologie oder Esoterik zu haben. Rites de passage können immer häufiger auch durch private Ritualberater besorgt werden. Für die Erziehung der Kinder liegen eine grosse Anzahl von Sport-, Musik-, und Freizeitaktivitäten vor. Diakonie wird zu einem grossen Teil vom Staat in die Hand genommen. Werte werden auch von säkularen Organisationen, z .B. NGOs oder politischen Parteien verbreitet.“ • „Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörten 60 Prozent der Bevölkerung einer reformierten Kirche an, heute sind es kaum 33 Prozent. Im Jahr 2006 registrierten die Mitgliedkirchen des SEK fünfmal mehr Austritte als Neueintritte.“ • „Noch ganze 10% der Reformierten besuchen jeden Sonntag die Kirche, davon sind 60% über 70 Jahre alt! … Das bedeutet, dass die gesamte Gesellschaft deutlich weniger religiös sein wird, sobald die Generation der heute Sechzigjährigen gestorben ist.“ • „Das religiöse und die weiteren gesellschaftlichen Teilsysteme (Recht, Politik, Bildung, Gesundheit, Erziehung und Wissenschaft) entflechten sich in der Schweiz zunehmend. Sie laufen immer mehr nach eigenen Gesetzen ab.“ • „Die Individuen werden zunehmend aus den traditionellen Sozialstrukturen entlassen. Die Menschen sind nicht mehr über ihre Familien- und Geschlechtszugehörigkeit zeit ihres Lebens auf eine soziale Schicht, eine Konfession, eine mögliche soziale Rolle oder einen fixen Wohnort festgelegt… Diese Freiheiten führen dazu, dass die Individuen immer verschiedener voneinander werden.“ • „Die Schweizer Gesellschaft ist durch eine zunehmende religiöse Vielfalt gekennzeichnet… Die Zahl der Konfessionslosen nimmt seit den 1960er Jahren rasant zu, von 1.1% im Jahre 1970 auf 11.1% im Jahr 2000 (Tendenz weiter steigend).“ • „Im Verlauf des 20. Jahrhunderts ist es in der westlichen Welt zu einem Wandel weg von Pflicht- und Akzeptanzwerten (Disziplin, Gehorsam, Pflichterfüllung, Treue, Selbstbeherrschung, Enthaltsamkeit) hin zu Selbstentfaltungswerten (Suche nach Genuss, Abenteuer, Spannung, Emotionalität, Kreativität, Spontaneität) gekommen.“ • „Seit mehreren Jahren nimmt die Zahl der im Hauptfach Theologie Studierenden signifikant ab, die der Studierenden im Fach Religionswissenschaft jedoch kontinuierlich zu. Zu befürchten ist, dass das Theologiestudium innerhalb der Fakultäten inskünftig an den Rand gedrängt werden könnte.“ • „Von einer Rückkehr der Religion(en) als faktisch gelebte Religiosität kann – aufs Ganze gesehen – in der Schweiz keine Rede sein. Ein Megatrend, der allerdings sehr wohl vorliegt, ist ein verstärktes Interesse der Medien an religiösen Themen.“ |
| "Nicht-Wollen" als Grundübel Stolz und Ballif haben auch untersucht, wie die Kirchen bisher auf die gesellschaftlichen Trends reagieren. Sie halten unter anderem fest: • „Die reformierten Kirchen scheuen sich schon fast traditionsbedingt vor klarer Abgrenzung. Sie definieren sich stark über das ‚Nicht-Wollen‘: Sie wollen sich nicht klar über Mitgliedschaftsregeln abgrenzen, sondern eine für alle offene Volkskirche sein; sie wollen sich inhaltlich nicht abgrenzen und verstehen sich als bekenntnisfrei. Sie wollen sich nicht deutlich von anderen Konfessionen und Religionen abgrenzen und auch nicht von der modernen, säkularisierten Gesellschaft und dem Staat. Sie sehen sich als ‚Kirche von unten‘ und misstrauen tendenziell allen oberen Ebenen.“ • „Der Gottesdienstbesuch erodiert überall. Die Anstrengungen der Kantonalkirchen zielen somit darauf ab, den Gottesdienst attraktiver zu gestalten und die Besucherfrequenz zu erhöhen, um so das Gemeindeleben zu stärken. Sie verfolgen, allerdings mit sehr unterschiedlicher Intensität, im Wesentlichen ähnliche Strategien, um wieder mehr Leute in die Kirchen zu bringen: Das Angebot an Gottesdiensten soll vielfältiger und innovativer werden, ohne dabei an Qualität und Profil zu verlieren.“ • „Mehrere Mitgliedkirchen … versuchen, Diakonie stärker reformiert in Richtung ‚glaubensorientierte Lebenshilfe‘ zu profilieren.“ • „Eine Stärkung der Identität befürworten alle, für Marketing und Evangelisation können sich nur einige erwärmen, trotzdem führt daran letztlich wohl kein Weg vorbei. Marketing ist grundsätzlich mit dem Kirchenverständnis vereinbar. Die Kirchen können lernen, ihre Angebote besser auf ein klar definiertes Publikum auszurichten und zugleich ihrem Auftrag, der Weitergabe des Evangeliums in Wort und Tat, treu bleiben.“ |
| Quelle: Der SEK-Bericht „Für einen Kirchenbund in guter Verfassung“ Zurück zu Kirchen und SEK |