| Die Glaubwürdigkeit von Kirche hängt bei vielen, die dem Glauben distanziert gegenüber stehen, an ihrem Einsatz für Bedürftige. Christoph Sigrist und Heinz Rüegger fragen in „Diakonie – eine Einführung“, was Christen zum Helfen motiviert. Die Autoren glauben, dass Helfen etwas Allgemein-Menschliches, ist, und führen dies auf die Schöpfung zurück: Gott habe „die Fähigkeit zu solidarisch-helfendem Handeln… allen Menschen immer schon mitgegeben“. Dies dient Rüegger und Sigrist als Grundlage dafür, dass „Diakonie sich in der Praxis nicht überheblich oder ängstlich von anderen Formen helfenden Handelns… abzugrenzen braucht“ (35). Die These: „Christlich motiviertes Helfen an und für sich ist nicht besser und nicht schlechter, nicht mehr oder weniger hilfreich als anders motiviertes Helfen“ (146). Dies sagt für die Autoren auch Jesus im Gleichnis des hilfsbereiten Samaritaners (Lukas 10) und in der Beschreibung des Endgerichts (Matthäus 25) aus. „Helfen ist ein ebenso zentraler wie schlichter Akt allgemeiner, irdischer Mitmenschlichkeit.“ Kritik an „negativem Menschenbild“ Die Autoren kritisieren, dass manche in der Debatte um das Verständnis von Diakonie zu einem „eher negativen Menschenbild“ neigen. Die Menschen würden dabei zweigeteilt: „Nicht glaubende Menschen sind offenbar Sünder und unfähig zur Veränderung und zu echtem solidarischem Handeln. Durch den Glauben an das Evangelium der Versöhnung in Jesus Christus werden die christlich Glaubenden hingegen als Sünder gerechtfertigt und zu ‚neuen‘ Menschen voller göttlicher Energien und Kräfte, dank derer sie allererst diakonische wirksam helfen können“ (148). Die Zweiteilung der Helfenden zeige sich auch in der Diakonie-Denkschrift der EKD, wo es heisst: „Liebe wird durch den Glauben eindeutig. Liebe ohne Glauben macht die Erfahrung ihrer Ohnmacht, der Glaube aber vertraut auf die Macht der Liebe Gottes“ (151). Menschliche Zuwendung Rüegger und Sigrist wenden sich gegen die „alte Tradition der Diakonie, diakonisches Handeln erst mit Jesus Christus einsetzen zu lassen und alles Vorangegangene oder Ausserchristliche als irgendwie von geringerem Wert zu übergehen“ (155). „Helfen ist in neuerer Zeit durch die Prozesses der Professionalisierung, Spezialisierung, Institutionalisierung und Standardisierung bestimmt worden“ (171). Die damit verbundenen Chancen gelte es zu nutzen. Bei der „dadurch eingetretenen Versachlichung und Durchorganisierung des Helfens“ müsse einfach die „Qualität menschlicher Zuwendung“ erhalten bleiben. Diakonie ohne „missionarische Nebenabsichten“ Die Diakonie, die sie aus dem Rahmen des christlichen Sünde- und Erlösungsdenkens gelöst haben, wollen Rüegger und Sigrist aber doch als „Grundfunktion der Kirche“ sehen. Konkret fordern sie „von sozialdiakonischen Mitarbeitenden eine elementare theologische Ausbildung und spirituelle Grundhaltung, um den diakonischen Auftrag der Kirche fachlich und persönlich angemessen mittragen und gestalten zu können“ (182). Doch Diakonie und Verkündigung dürften weder vermischt und durch „missionarische Nebenabsichten“ (188) motiviert noch voneinander getrennt werden. Fürbitte und Segnen Nachdem sie die allgemein-menschliche Veranlagung zum Helfen und seinen ‚weltlichen‘ Charakter unterstrichen haben, erwähnen die beiden Autoren noch christliche Formen des Helfens, die „zweifellos zum Repertoire helfenden Handelns der Kirche gehören: … das fürbittende Gebet, das Segnen oder das spirituelle Gespräch über Sinn- und Glaubensfragen oder über Hoffnungsperspektiven im menschlichen Leben, das Zusprechen von Vergebung in der Beichte oder auch Formen spirituellen Heilens“ (184f). In dem Zusammenhang geben sich Rüegger und Sigrist erstaunt darüber, dass spirituelles Heilen von Diakonissen kaum praktiziert worden sei. Wie fördern die Autoren den Beitrag der Kirchen zu einer humanen Gesellschaft und ihre Identität im pluralistischen Umfeld, wenn sie „inhaltlich keine grossen Unterschiede… zwischen einer christlichen und einer allgemein-humanen Ethik des Sozialen“ (195) sehen? Das muss der Leser des gut strukturierten, abschnittweise mit griffigen Thesen versehenen Werks selbst entscheiden. |
| Heinz Rüegger, Christoph Sigrist: Diakonie – eine Einführung Zur theologischen Begründung helfenden Handelns Theologischer Verlag Zürich, 2011, 278 Seiten, Paperback ISBN 978-3-290-17611-2 Das Buch bestellen Zurück zur Übersicht |