Staat und Religion

Johannes Corrodi. In den demokratischen Gesellschaften des Westens macht sich seit geraumer Zeit Verunsicherung breit. Wo ist die eine Menschheit der Zukunft geblieben, die der Fortschrittsglaube des 19. Jahrhunderts in so leuchtenden Farben ausmalte und das 20. Jahrhundert auf so zerstörerische Weise realisierte? An die Stelle von Fortschritt und Vernunft trat ein wirres Geflecht von Entwicklungen, die keinerlei gemeinsame Richtung erkennen lassen.

Der Triumph fernwissenschaftlicher Technologien und des globalen Marktes über traditionelle Grenzen und Bindungen sieht sich unversehens einer „Wiederkehr der Religion“ und der Wiederauflebung nationalistischer Ideologien gegenüber. Diese scheinbar unvereinbaren Gegensätze haben bei näherem Hinsehen jedoch eine gemeinsame Wurzel im neuzeitlichen Verhältnis von sakraler und profaner Realität, respektive in dessen Neubestimmung.

Die überkommene westliche Trennung zwischen einem rein menschlichen und einem rein göttlichen Bereich (Immanenz / Transzendenz) ist in der Krise. „Äussere“ geopolitische Verschiebungen und „innere“ wissenschaftlich-philosophische Kritik rütteln an den Denkformen der liberal-säkularen Gesellschaft.

Man vergegenwärtige sich, wie diese Trennung im Westen durch die immer noch vorherrschende Geschichtswahrnehmung entstanden und zur kulturellen Selbstverständlichkeit geworden ist: Die seit spätmittelalterlicher Zeit anwachsende Kritik am babylonischen Herrschaftsinstinkt der Kirche, die ihren Turm bis in den Himmel ragen lässt, führt in der Aufklärung zur Etablierung einer „reinen“ oder autonomen Vernunft, die sich keiner Autorität unterwerfen will.
Gott und Welt, Glaube und Vernunft symbolisieren zwei zunehmend getrennte Ebenen, die nicht mehr miteinander kommunizieren – war doch die eucharistische „communicatio“ Ausdruck der verheissenen Versöhnung von Himmel und Erde.

Die Folgen des Gesprächsabbruchs machen sich heute nicht nur in entleerten Kirchen bemerkbar. Eric Voegelin (1901-1985), der grosse politische Denker des 20. Jahrhunderts, hat in der gnostischen Trennung von oben und unten, Jenseits und Diesseits, die Wurzel der totalitären Ideologien des Nationalsozialismus und des Kommunismus wie auch des politischen Liberalismus als deren vermeintlichem Gegengift gesehen.

Ursprünglich sind profan/sakral (lateinisch: pro-fanum, „vor dem heiligen Bezirk liegend“) relative Begriffe, die aufeinander verweisen. Davon löst sich das moderne Verständnis von Säkularität als einem absolut unabhängigen, in sich selbst gegründeten und religiös neutralen Daseinsbereich, dessen Belange von Staat, Markt und wissenschaftlicher Vernunft geregelt werden. In dieser Perspektive meint „Säkularisierung“ denn auch schlicht das Verschwinden oder den Rückzug von Religion in einen rein innerlichen Bereich.

Das ist nicht identisch mit dem, was die Kräfte der Reformation im 16. Jahrhundert anstrebten. Hier stand zunächst die Souveränität und Unverfügbarkeit Gottes im Zentrum, die keine „magischen“ Manipulationsversuche des ewigen Heilsplans duldete. Später wird auf dieser Linie die göttliche Freiheit auch gegen alle mehr oder weniger subtilen intellektuellen Vereinnahmungstendenzen verteidigt, die Gott in irgendeine wissenschaftliche oder ethische Lücke einpassen wollen.

Dokumente
J. Corrodi: Zum Verhältnis von Staat und Kirche
F. Ruther: Der Mythos der weltanschaulichen Neutralität
R. Katzenstein: Säkularismus - die sechste Weltreligion
SEA: Religionsfreiheit in einer multikulturellen Gesellschaft
V. Ramachandra: Die Globalisierung aus christlicher Sicht

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Autor: Peter Schmid     bereitgestellt: 31.03.2010