| Nicht andere Formen oder originelle Ideen werden die Kirche in der Postmoderne retten. Vielmehr ist das Evangelium neuartig zu denken und zu leben. Kirchen müssen lernen, dass sie nicht mehr evangelisieren (d.h. an Bekanntes appellieren) können, sondern wieder missionieren (d.h. Unbekanntes entschlüsseln) müssen. Denn die Botschaft ist nicht mehr selbstredend. Dies sagte Alex Kurz an der Tagung über Kirche in der Postmoderne in Zürich. Thomas Beerle, Martin Voegelin und Markus Giger gaben Einblick in ihre Arbeit. Der Thurgauer Kirchenratspräsident Wilfried Bührer skizzierte nüchterne Zukunftsperspektiven. Vielleicht bleibe die reformierte Kirche «eine Instanz für die Gesamtgesellschaft», doch eine nächste Generation werde von anderen Voraussetzungen ausgehen, sagte Wilfried Bührer in seinem Grusswort. Darum «braucht es einen Mentalitätswandel, der nicht so leicht herbeizuführen ist: vom Gewohnten zum bewussten Ja, den Glauben leben zu wollen, auch in einer Minderheitensituation.» Nach dem Zerbrechen der «grossen Erzählungen» (Jean-François Lyotard), jener Leitvorstellungen, die bis 1945 den weltanschaulichen Rahmen der Moderne bildeten, hat sich laut Kurz ein Ersatz hergestellt: Nach 1990 hat sich «der Markt zur grossen Erzählung der Postmoderne entwickelt». Die Logik des Marktes – dass alles als Ware deklariert werden kann – durchdringe jeden Lebensbereich. Zudem werden Medien wichtiger: «Wenn es nichts mehr gibt, was Menschen fraglos eint, kommt es zu sehr mühsamen Kommunikationsprozessen.» Gelesen, aber nicht mehr verstanden Kirchen reagierten auf die neue Unübersichtlichkeit entweder mit Abschottung oder mit dem Versuch, als Autorität den religiösen Markt zu beeinflussen, sagte Kurz, Pfarrer in Rohrbach BE, vor den 70 Teilnehmenden der LKF-Tagung. So böten sich Reformierte für die Moderation interreligiöser Gespräche oder ethischer Debatten an. Doch würden sie von aussen anders gelesen, als sie sich selbst verstünden. Anderseits vergeistlichten Kirchen den Markt, was ähnlich verhängnisvoll sei. Dann werde Wachstum zum Segen erklärt, Kirche entsprechend Kundenbedürfnissen gestaltet und es entstünden «Gleichgesinntenvereine ohne Ausstrahlung nach aussen». «Wir gehören nicht mehr zum Kern» Doch wie das Evangelium im 1. Jahrhundert Sklaven und Freie, Juden und Griechen eins machte (Die Bibel, Galaterbrief, Kapitel 3, Vers 28), hat auch heute jene Kirche, die verschiedene Menschengruppen verbindet, mehr Ausstrahlung. Kurz sieht die Kirchen in der Postmoderne in einer «Aussenseiterrolle» – doch gerade da, von aussen, könnten sie schärfer wahrnehmen, was in der Gesellschaft abgehe. Experimentieren Alex Kurz plädierte dafür, «den Markt zu instrumentalisieren mit der Logik des Evangeliums»: Mittel des Marktes einzusetzen, um die gute Botschaft von Jesus Christus zu leben und zu verkündigen. Dabei dürfe experimentiert werden, Fehler seien möglich und der richtige Zeitpunkt, der Kairos, entscheidend. Wenn der Christ als Vertreter eines religiösen Systems unter vielen angesprochen werde, solle er dies nicht abweisen, aber zugleich auch betonen, dass die Offenbarung ihm zur Wahrheit wurde. In der Postmoderne dürfe das Gebet nicht auf blosse Psychohygiene reduziert werden (was der Zeitgenosse versteht), sondern sei auch als Gespräch mit dem Herrn zu bezeugen. Zu entwickeln ist eine «Aussenseiterkirche mit Ausstrahlung, mit einer Theologie, die beantwortet, was Menschen fragen». «Jahrhundert der Südkirche» Die Tagung bot drei Kurzreferate. Martin Voegelin, der sich mit dem interkulturellen Brückenschlag beschäftigt, schilderte, wie Christen aus dem Süden die europäische Szene aufmischen. Vor 923 – und wieder seit 1981 – lebe die globale Mehrheit der Christen nicht im Norden. Das Zeitalter des westlich geprägten Christentums gehe zu Ende. Voegelin sprach sich dafür aus, dass einheimische Christen Ergänzung annehmen. Bereits gebe es über 200 von Afrikanern geleitete Gemeinden in der Schweiz. Eine Kirche, die Menschen verschiedener Ethnien aufnehme und verbinde, stifte Identität und leiste einen Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. «Wir lernen miteinander und aneinander - und wir suchen Gottes Perspektive im neuen Jahrtausend, das wahrscheinlich der Südkirche gehört.» Zu den Menschen gehen «Die Kirche, wie wir sie kennen, muss neue Wege einschlagen, wenn sie künftig bestehen will.» Pfr. Thomas Beerle, der im Auftrag der St. Galler Landeskirche in der Region Werdenberg im Rheintal Neues versucht, betonte an der Tagung das Hingehen zu den Menschen. «Mit ihnen Glauben entdecken und neue Formen von Kirche entwickeln»: dies kann beispielsweise im Vermitteln und evangelischen Deuten bildender Kunst an einer Ausstellung geschehen. Kunst als Trägerin der Botschaft. Mit Freiwilligen baut Beerle ein Café für Asylbewerber auf – «dass Gruppen von Menschen entstehen, die auf den Glauben zu – und mit dem Glauben auf den Weg – gehen». Verkündigung und Diakonie miteinander Durch die Verschränkung von Verkündigung und Diakonie konnte sich die Zürcher Streetchurch entwickeln. Pfr. Markus Giger, ihr Leiter, betonte, ein jugendgerechter Gottesdienst stehe für Junge nicht im Vordergrund, sondern ganzheitliche Begleitung. «Wenn sie es nicht im Alltag erleben können, hat Gottesdienst und Kirche keine Relevanz.» Die Streetchurch, die von den reformierten Kirchgemeinden der Stadt Zürich initiiert wurde, bietet neu eine ‚Lifeschool' für Jugendliche an, die sonst die Kurve nicht kriegen. «Saubere Jungs für saubere Fenster» gibt Jungen Arbeit – wenn sie sich verpflichten, ihr Leben in Ordnung zu bringen. In allem gelte es, «junge Menschen ganz ernst zu nehmen mit dem, was sie herumtragen», sagte Giger. Jugendarbeit sei jahrelange Beziehungsarbeit; um sie zu entwickeln, brauche das Team grosse Freiheiten. Kirchenferne Schweizer Das abschliessende Podium nahm konkrete Fragen auf. Im Alltag der Kirchgemeinde, sagte Alex Kurz, soll man «parat sein, auf Situationen ohne grosses Konzept wach zu reagieren». Anderseits gehe es nicht darum, allen etwas bieten zu wollen. Thomas Beerle empfahl den Teilnehmenden, bewusst in neue Bereiche, in eine bisher unbekannte Szene hineinzugehen. Viele Segmente der Bevölkerung lebten heute fern der Kirche. Martin Voegelin unterstrich, dass evangelische Gemeinden sich ergänzen können. LKF-Präsident Alfred Aeppli hielt fest, dass die Volkskirche ihr Grundangebot nicht streichen kann, wenn sie neue Schwerpunkte setzen will. Für Alex Kurz kommt es darauf an, dass Initiativen von kirchlichen Mitarbeitenden abzuspüren ist: Es gibt (nur) eine Kirche – nicht meine und diese und jene. |
| Alex Kurz im Interview: Was wir in der Postmoderne zum Leben brauchen Zurück zu Tagungen |