Kirchenaustritt von Gottfried Locher

Knapp zwei Jahre nach seinem Rücktritt hat Gottfried Locher den Austritt aus der reformierten Landeskirche erklärt. In einem Beitrag für die Tamedia-Zeitungen, der ersten Wortmeldung seit 2020, erläuterte er den Schritt.

«Die Kirche ist mir heilig», betont Locher eingangs. In ihr wolle er bleiben. Doch Kirche und Landeskirche seien zwei paar Schuhe. Die Landeskirchen seien irrelevant geworden. Sie reagierten auf ihren Niedergang «nicht mit dem, was Zwingli wichtig war: Gnade, Christus, Bekenntnis. Heute geht es um Klima, Gender, Migration, inklusive Sprache, Konzernverantwortung – alles! Nur nicht der liebe Gott.»

Die Landeskirchen würden «künstlich ernährt durch den Fiskus», schreibt Locher. Er habe sich bemüht, sie wiederzubeleben, in der Hoffnung auf Erneuerung, die sich nun als Illusion erwiesen habe. «Ich wollte weg von den frommen Sprüchen, weg vom Dreinreden ins Privatleben, weg vom Mitmischeln in der Tagespolitik. Hin zur geraden, ehrlichen Sprache. Hin zur faszinierenden Gestalt Jesus von Nazareth.»

Auf die Übergriffs-Vorwürfe einer ehemaligen Mitarbeiterin, im April 2020 im Rat der EKS präsentiert, sei er innert zehn Tagen eingegangen. Da habe er klargestellt, «dass beim übelsten Willen nichts Strafbares zu finden war … Wäre etwas zu finden gewesen: man hätte mich mit Handkuss angeklagt. Niemand tat es.»

Der frühere Ratspräsident klagt, dass sich niemand entschuldigt habe, obwohl von den «masslosen Anschuldigungen» nichts übriggeblieben sei. Locher zitiert den Brief seiner Frau vom August 2021, in dem sie «Diffamierung» anprangerte. Davon seien Narben geblieben. Das Wegbleiben von «Freunden» schmerze. «Das grösste Geschenk aber bleibt die Familie.» Im Austritt folge er seiner Frau «und vielen anderen, die ihre Glaubenszukunft nicht mehr hier sehen. Kirche gibts auch anderswo.»

Für Locher ist die Zeit der staatlich subventionierten Kirchen abgelaufen. «Das Sterben der Landeskirchen geht weiter.» Auch die katholische Kirche werde «erst wieder blühen, wenn sie ihre steuerfinanzierte Selbst-Protestantisierung aufgibt und zu ihrem Wesen zurückfindet. Lebendiges Christentum muss frei atmen können.» Es gelte, «endlich einen fairen Wettbewerb der Religionen in der Schweiz» zu schaffen.

Vor allem aber, so Gottfried Locher am Ende seines Beitrags: «Christsein hängt nicht am Staatskirchenrecht. Christsein hängt an Christus. Am besten entdeckt darum jeder und jede zuerst einmal ganz für sich selbst diesen spannenden, anstrengenden, provokativen, ungeduldigen, nervenaufreibenden, liebevollen, schwachen Mann.» 

Quelle: Der Bund online, 2.4.2022