Heilige Schrift im rabbinischen Gespräch

Shimon Gesundheit, aus Basel stammender Dozent an der Hebrew University in Jerusalem, stellte heraus, in welcher Freiheit Rabbinen über die Jahrhunderte mit ihrer Heiligen Schrift, dem Tenach, umgingen. Den Talmud, Hauptdokument dieses Prozesses, bezeichnete er als «Wirrsal» von Auslegungen und (teils kühnen) Diskussionsbeiträgen.

Exodus 19,9 wird so ausgelegt, dass die Offenbarung von Gottes Worten im Dialog zwischen Ihm und Mose geschah. In einem Traktat heisst es, Gottes Stimme am Sinai habe sich in 70 Stimmen geteilt, «damit sie alle Völker verstehen». Wie ein Hammerschlag auf einen Felsen Funken verursacht, vermittelt laut dem Talmud ein einziger Schriftvers viele Lehren, ermöglicht diverse Auslegungen. Zwei konträre Auslegungen können beide wahr sein.

Weiter, so Gesundheit, halten die Rabbinen dafür, dass Gottes Wort in jeder Generation neu interpretiert wird und seine Bedeutung durch die Auslegung erhält. Der Talmud enthält überraschende Stellen: Gott freut sich über den Streit der Rabbinen, die um die Auslegung ringen und schlussendlich gegen die von Gott propagierte Auslegung entscheiden – und er wird gar als einer vorgestellt, der sich von Rabbi Aqibas kreativer Auslegung gern überraschen lässt.

Shimon Gesundheit betonte, dass die Auslegung von den Rabbinen radikal geöffnet und eine rationale Reflexion über Gottes Wort ermöglicht wurde. «Das rabbinische Judentum denkt viel liberaler und radikaler als das heutige orthodoxe Judentum.» Im rabbinischen Lehrhaus kann laut Gesundheit alles passieren – auch dass Einzelheiten des Gesetzes ausser Kraft gesetzt werden, um seinen Geist zu erhalten.

Der Talmud hält fest, dass noch nie ein widerspenstiger Sohn gesteinigt wurde. Bei Glaubensfragen wird kein Entscheid verlangt – sie bleiben offen. So kennt das rabbinische Judentum keinen Bestand anerkannter Glaubensartikel. «Man glaubt an Gott – was das jedoch im Einzelnen heisst, bleibt offen.»

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