Gott im Wort

Wie teilt sich Gott der Welt mit, deren Schöpfer er ist, wie wird er erfahrbar? Von diesen Fragen ging Ulrich H.J. Körtner in seinem Vortrag «Gott im Wort – Schrift und Offenbarung im Christentum» aus. Gott kann man nicht sehen – aber ihn hören und ihm antworten. «Der angeredete Mensch ist zunächst ein Hörender, bevor er selbst zum Sprecher wird.» Das göttliche Wort ergeht als prophetische Rede, in missionarischer Verkündigung oder vermittelt durch Schrift. Die Heiligen Schriften der drei monotheistischen Religionen heben sich von anderen dadurch ab, dass sie als Offenbarungsmedium gelten.

Wie Ulrich Körtner betonte, ist das Wort nicht nur das Medium, das Werkzeug Gottes, sondern die Weise seines Handelns. Im Gegensatz zum Koran ist für Christen «das Medium der letztgültigen Offenbarung ein Mensch: Jesus von Nazareth … er gilt dem christlichen Glauben als Gottes Wort in Person.» Dies bedeutet, dass «sein Leben insgesamt als Anrede Gottes an uns Menschen zu verstehen ist». Dass wir uns nicht bloss von seiner Person angesprochen fühlen, sondern uns darin von Gott angesprochen wissen. Umgekehrt: «Zum Gott Jesu Christi lässt sich nur sprechen, indem im Namen Jesu gebetet wird» und dies im Heiligen Geist geschieht.

Wenn Gott Mensch geworden ist, wozu braucht(e) das Christentum noch eine Heilige Schrift? Sie war kein Rückfall hinter den Inkarnationsgedanken, argumentierte Körtner mit Verweis auf 2. Korinther 3,3: Christus bedient sich «eines schriftlichen Mediums, um als Abwesender unter den Menschen anwesend zu sein». Er ist im Himmel, zur Rechten des Vaters – Ausdruck dafür, «dass auch der Auferstandene nicht einfach als anwesend gedacht werden kann, sondern dass seine Anwesenheit sich je und je neu ereignen muss und immer dialektisch mit seiner Abwesenheit vermittelt ist».

Die biblischen Schriften sind nach 2. Timotheus 3,16 von Gottes Geist eingegeben. Der alten Inspirationslehre (Verbalinspiration) zollte Ulrich Körtner Respekt, insofern sie den Anspruch der Autoren ernst nehme, im Namen Gottes zu schreiben. Dem entspreche die «Erfahrung des Anredecharakters der biblischen Schriften im Hier und Heute». Andererseits zeigt sich, dass Gott sich «mit der Verschriftung seines Wortes dem Konflikt der Interpretationen aussetzt, der auch durch keine … Inspirationslehre beendet werden kann».

Pointiert folgerte der in Wien lehrende Theologe: «Der biblische Text ist wehrlos, ausgeliefert in die Hände seiner Leser und Interpreten.» Diese müssen sich – im Respekt vor ihm – darum bemühen, dass ihre unterschiedlichen Deutungen sich ergänzen. Schrift ist mit der Bitte um den Heiligen Geist zu lesen. Körtner: «Der Geist manifestiert sich im Akt des Lesens, so dass das Verstehen des Textes nicht die Leistung des Lesers, sondern ein sich zwischen Text und Leser abspielendes Geschehen ist, in welchem die tote Sinnspur des Geistes zu neuem Leben erweckt wird und zugleich den Leser erfasst, der seinerseits zu einem neuem Leben und einem neuen Verständnis seiner Existenz gelangt.»

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