Was ist in Wahrheit christlich?

Heiko Schulz, Frankfurt, befasste sich mit dem Anspruch religiöser Texte (konkret der christlichen Bibel) auf unbedingte normative Geltung. Er tat dies zum einen aus systematisch-theologischer Perspektive (Leitfrage: Ist das, was sich als christlich ausgibt, in Wahrheit christlich?). Zweitens fragte er religionsphilosophisch: Ist das, was sich zu Recht als christlich ausgibt, wahr? Als Anknüpfungspunkt diente dabei das protestantische sola scriptura-Prinzip in der Lutherschen Fassung.

Martin Luther, so Schulz, grenzt sich mit sola scriptura doppelt ab: gegen den objektiven Ungeist des römischen Lehramts und den subjektiven Ungeist schwärmerischer Willkür. Dem setzt Luther seine Lehre von der doppelten Klarheit der Schrift entgegen.

Die Schrift gibt durch das Zeugnis des Heiligen Geistes hinreichend innere Klarheit (Lehramtsentscheidungen sind unnötig); zugleicht ist sie als äusseres Wort klar, indem sie, wie die übereinstimmende kirchliche Verkündigung beweist, unzweideutig die Botschaft von Christi Versöhnungswerk ins Zentrum stellt (keine darüber hinausgehenden ‹Eingebungen› sind nötig und legitim).

Zudem ist bei Luther das sola scriptura-Prinzip faktisch mit der Überzeugung verbunden, dass die Schrift sich selbst auslegt (scriptura sacra sui ipsius interpres); nach Schulz kann letzteres aber auch separat behauptet werden, d.h. ohne zugleich «für das Schriftprinzip votieren zu müssen».

Der Referent erwähnte in einem zweiten Schritt eine Reihe von Einwänden gegen das Schriftprinzip. Nach Pannenberg (1962) setzte Luther – unfreiwillig – die historisch-kritische Forschung mit in Gang, welche das Ergebnis erbrachte, «dass die Schrift zur Begründung und Legitimation dessen, was in materialer Hinsicht als schriftgemäss soll gelten können, de facto gar nicht taugt». Tatsächlich habe Luther den Bogen hier überspannt («hermeneutische Willkür»), was sich vor allem darin zeige, dass ihm nur dasjenige als kanonisch galt, «was Christum treibet».

Zweitens kann eingewandt werden, dass das Schriftprinzip zusammen mit der Schrift selber Ergebnis von Traditionsprozessen und also nicht allein aus der Schrift zu erheben und zu legitimieren sei. Drittens führt das Prinzip bzw. seine Anwendung laut Schulz zu Zirkelschlüssen.

Trotz alledem, so die abschliessende Überlegung des Referenten, ist das sola scriptura-Prinizp zu retten; man müsse allerdings «den Anspruch aufgeben, beweisen zu wollen, dass die Schrift Gottes Wort ist», ferner einräumen, dass man letztlich über keinen unfehlbaren Schlüssel zur Auslegung der Schrift und zur Begründung ihres Normativitätsanspruchs verfügt.

An die Stelle überzogener Autoritätsansprüche müsse ein ‹hermeneutischer Fallibilismus› treten, der an eine zentrale pragmatische Maxime anknüpfen kann: Der Erfolg der Auslegung im Sinne der geistlichen Förderung und Bereicherung des individuellen und gemeinschaftlichen Glaubenslebens «rechtfertigt alles, aber er beweist nichts».

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