Buchstabe oder Geist?

Normativ ist die Heilige Schrift, wenn sie uns im Alltag bestimmt. Wie wird ethische Orientierung aus der Bibel gewonnen? Christiane Tietz, Zürich, stellte einen scharf kontroversen Umgang mit der Schrift am Beispiel der Homosexualität fest. Die Bibel wird zum Zankapfel (U. Luz) zwischen jenen, die ihren Wortlaut über alle kulturellen und Zeit-Unterschiede hinweg als verpflichtend festhalten, und denen, die sie bloss mit kulturgeschichtlichem Interesse lesen und den Texten normative Geltung prinzipiell absprechen.

Christiane Tietz fragte, ob es gelingen kann, beide Extreme zu vermeiden, und suchte einen Zwischenweg. Zum einen müsse versucht werden, nicht nur dem Buchstaben, sondern auch dem Geist gerecht zu werden, in dem er geschrieben wurde. Gibt es Brücken über den garstigen Graben der Geschichte? Lessing lehnte es ab, das Heil an «zufälligen» Geschichtstatsachen festmachen zu wollen. Sein Glaube an eine überzeitliche Vernunft, den das 18. Jahrhundert hegte, ist wiederum in der Folge abhanden gekommen.

Doch kann der «Beweis des Geistes und der Kraft» (1. Korinther 2,4) in der Moderne wie in der Antike erlebt werden. Christiane Tietz: «Gott und sein Geist ist damals und heute derselbe.» Und wirkt, höchst lebendig. Nach dem rezeptionsästhetischen Ansatz konstituiert sich der Sinn des Textes beim Lesen immer wieder neu. Doch sind Texte nicht bloss Maschinen zur Erzeugung von Bedeutung (U. Eco).

Wie Ulrich Körtner in Aufnahme eines Motivs von Paul Ricoeur festgehalten hat, können die Texte der Bibel beim Lesen auf Jesus Christus ausgerichtet werden; er kann als ihr einheitsstiftender Bezugspunkt gelesen werden. Daher können sie nicht beliebig verstanden werden. Der Heilige Geist leitet zum Verstehen an, inspiriert den Leser.

Diesen Gedankengang übertrug Christiane Tietz auf die Ethik: Gibt es so etwas wie einen ethischen Richtungspfeil der Texte, der die Leser/innen in ihrem Tun zu orientieren vermöchte? Als «zeitübergreifende Grundkonstante» können Glaube-Liebe-Hoffnung gelten (M. Beintker). Daran ist laut Tietz zu erkennen, wes Geistes Kinder Christen sind.

«Der Glaube setzt die Christen frei zum Handeln, weil sie sich als von Gott Angenommene nicht um sich zu sorgen brauchen. Die Liebe orientiert ihr Handeln, insofern sie sich öffnen für die Wahrnehmung der konkreten Not des andern. Die Hoffnung schafft Raum zum Handeln, insofern sie dem Bestehenden, was vor unseren Augen ist, nicht das letzte Wort gibt.»

Glaube-Liebe-Hoffnung muss im ethischen Urteil konkret werden (O. Donovan). Menschen haben zu entscheiden in Bezug auf Gottes lebendigen Willen – die Bibel ist kein moralisches Rezeptbuch. Christiane Tietz zitierte Beintker: Ein in Bibelversen, in ihren Buchstaben gefangener Gott wäre kein lebendiger Gott. Das Gebot Gottes ist nicht von der Person des Gebieters zu trennen, der den Menschen heute in die Verantwortung stellt.

Gerade deshalb wird ein «von Glaube-Liebe-Hoffnung geprägter Gebrauch der praktischen Vernunft» nicht zu einmütiger Deutung der biblischen Texte führen. Können sich vielfältige Auslegungen so ergänzen wie Charismen in der Gemeinde (M. Zeindler)? Es müsste versucht werden, meinte Tietz, «die Bereicherung durch die Auslegung des andern wahrzunehmen. Und so die Gemeinschaft zu bewahren.»

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