Gebote im Christentum und im Islam

Klaus von Stosch, Paderborn, referierte über «die Ableitung ethischer Normen aus Heiligen Texten im christlich-muslimischen Gespräch». Christen sollen gemäss Jesu Worten Gott lieben und den Nächsten lieben. Doch oft überfordert uns dieses Gebot. Wir sprechen dann von der Peripherie der Nächstenliebe oder suchen nach anderen Wegen, diesen Anspruch abzumildern. Eine Möglichkeit solcher Abmilderung liegt darin, Liebe in diesem Zusammenhang so wie Kant als «Wohltun aus Pflicht» zu verstehen.

Doch ist damit schon adäquat das eingeholt, was im Doppelgebot gefordert wird? Wie können wir die Radikalität der Anspruchs Jesu an uns heranlassen? Nur wenn wir ernst nehmen, dass dieser Anspruch immer erst vom Zuspruch Gottes unterfasst ist. Wenn der Christ Gottes Zuneigung zuerst erlebt (Seligpreisungen als Auftakt der Bergpredigt, Exodus vor Gabe der Gebote), kann er in die Liebe als Geschenk, das er in sich vorfindet, sein Vertrauen setzen.

Das Doppelgebot von Jesus ist dann die «Aufforderung, ganz auf das zu setzen, was schon in mir ist als Geschenk» – wir dürfen Mitmenschen lieben, nachdem wir Gottes Liebe erfahren haben. Aber, so fragte von Stosch: Wo bleibt dabei das Sollen? Sind Christen in der pluralistischen Gesellschaft noch von der Schrift in die Pflicht genommen?

Aus der Welt des Islam referierte Klaus von Stosch zwei Ansätze, nachdem er eine parallele Problemlage (auch gegeben durch die Übernahme derselben Traditionen) festgestellt hatte: Klassisch wurde nach der Mitte der Schrift gesucht, nach den eigentlichen Absichten und Zielen der Gebote. Al-Ghazali (um 1100) bestimmte fünf zu schützende Güter (Glaube, Ehre, Vernunft, Familie, Eigentum) – eine Interpretationslinie, die sich gut im Sinne Kants interpretieren lässt und auch in der Gegenwart so interpretiert wird.

Für eine moderne ästhetische Orientierung der islamischen Ethik steht Navid Kermani. Die Idee hierbei ist, dass die Schönheit Gottes Muslime dazu herausfordert ihr Leben so zu gestalten, dass es zu einem Hinweis auf Gottes Zuwendung zu den Menschen wird. In diesem Sinne könnte etwa die Art des Fastens Hinweis auf Gottes treue Sorge für den Menschen sein. Ihre gemeinschaftliche Gestaltung wäre ein Versuch im Tun des göttlichen Gebots Identität und Zuspruch zu finden. 

Der Referent wog Chancen und Grenzen derartiger Ästhetisierung ab und schlug vor, auch christlich das Gebot Gottes als Aufforderung zu einer neuen Gestaltwerdung der Kirche zu verstehen. Es gehe also nicht darum, dass Christen bessere Menschen als andere werden. Vielmehr sei es das Ziel, durch die ästhetische Formung des eigenen Lebens Zeichen bzw. Sakrament der göttlichen Zuwendung zur Welt zu werden.

In diesem Sinne schloss von Stosch mit den «Zumutungen der Bergpredigt»: Christen sollen das «Du darfst» zeigen und erfahrbar machen. Und «nicht möglichst viele Menschen missionieren, sondern möglichst wirkmächtig das Reich Gottes beginnen lassen».

Am Anfang steht der Zuspruch von Glück (Seligpreisungen), auf dem Weg helfen Sorglosigkeit (Matthäus 6), und «Entschiedenheit ohne Schwören». Das Eingestehen eigener Fehler trägt dazu bei, die interreligiöse Streit-Atmosphäre zu mildern. 

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