Fehlt Reformierten der inhaltliche Kern?

Dass viele Reformierte links politisieren, ist auch der Kirchenpolitik des Freisinns im vorletzten Jahrhundert zuzuschreiben. Dies hat Martin Grichting, Ex-Generalvikar des Bistums Chur, in einem NZZ-Gastkommentar zur Debatte nach der KVI-Abstimmung behauptet. Die Mühe der Liberalen mit den Kirchen sei «der Fluch der bösen Tat».

Grichting weist auf den Kontext des sogenannten Böckenförde-Diktums hin: Die Kirche könne ihre unersetzliche Funktion für den Staat nur wahrnehmen, wenn sie von ihrer Sendung her handle und ihren Auftrag unverkürzt erfülle.

Verwässerten Kirchen ihre Botschaft, würden sie sich «einer sie selbst funktionalisierenden Anpassungsstrategie anheim geben». Und dann hätten sie, so zitiert Grichting den deutschen Verfassungsrechtler Böckenförde, nicht mehr die Wirkung, vorpolitische Voraussetzungen zu schaffen, von denen der freiheitliche Staat lebt.

Durch Zwinglis Ansatz seien die reformierten Kirchen Staatskirchen gewesen, schreibt Grichting – und im 19. Jahrhundert vom Freisinn nicht in die Freiheit entlassen, sondern in den staatlichen Säkularisierungs- und Demokratisierungsprozess einbezogen worden. Seit damals bekenntnisfrei, könne die reformierte Kirche «heute nicht mehr sagen, ob sie daran glaubt, dass Jesus Christus Gott ist und dass er von den Toten auferstanden ist».

In der Optik des katholischen Kirchenrechtlers Grichting rächt sich heute, dass die Freisinnigen die reformierte Kirche damals vor ihren Karren spannten. Die «staatlich gepushte Kirchenstruktur» sei für sie bestimmend. «Weil sie inhaltlich – was den christlichen Glaubensgehalt betrifft – entkernt ist, bewegt sie sich vor allem auf dem Feld der Moral und des guten Lebens.»

Jene Reformierten, die noch an verbindlichen Glaubensinhalten festhielten, seien im 20. Jahrhundert durch Religiös-Soziale marginalisiert worden. «Dies hat zu einer sozialistischen, heute links-grünen Politisierung der Kirche geführt.» Das Engagement von kirchlichen Hilfswerken habe die Wirtschaft 2020 in arge Bedrängnis gebracht. «Die Geister, welche die Freisinnigen einst riefen, wenden sich nun gegen sie.»

Liberal wäre für Grichting, «die Kirchen freizugeben, sie institutionell und finanziell vom Staat abzunabeln. Sie wären dann nicht länger versucht, eine politische Kraft neben anderen zu sein.»

Quelle: NZZ vom 29. November 2021